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Symposium für eine nachhaltige Welt

anlässlich des 80. Geburtstags von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Am 25. Juni 2019 veranstaltete die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft Club of Rome (DGCoR) und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (WI) ein prominent besetztes Symposium in Berlin. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen standen die Themen, die Ernst Ulrich von Weizsäcker und der VDW besonders wichtig sind: Klimaschutz, erneuerbare Energien, neue Mobilität und Biodiversität.

Traditionell sind diese Themen bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, bei der Ernst Ulrich von Weizsäcker ein langjähriges und engagiertes Mitglied ist und die er viele Jahre als Vorstandsvorsitzender leitete, fest verankert. Sie standen auf dem Symposium „Wir sind dran – Inspirieren – Reflektieren – Handeln“ zusammen mit den Themen Frieden und Sicherheit im globalen Kontext, Bildung, Werte und Verantwortung für ein digitales Zeitalter, Balance zwischen Ökonomie und Ökologie sowie neue Spielregeln für die Globalisierung im Zentrum.

Den inhaltlichen Rahmen setzte Ernst Ulrich von Weizsäcker mit seiner Keynote, in der er die drängenden Probleme unserer Zeit adressierte, Lösungen präsentierte und konkrete Maßnahmen vorschlug. Ideen zu einer intelligenten und nachhaltigen Zukunft und den Umgang mit unseren Ressourcen in einer vollen Welt durch Maßnahmen wie Kreislaufwirtschaft und neue Effizienztechnologien (Passivhäuser, Zweiliterautos und LED-Lampen) – wie sie heute heiß diskutiert werden – sind kein Novum. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat diese bereits in den 1970er Jahren in die Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte eingebracht.

Darauf wies auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze in ihrer Ansprache hin: Seit mehr als 40 Jahren sei von Weizsäcker nicht nur ein brillanter Wissenschaftler, sondern auch Vordenker und Antreiber der deutschen Umweltpolitik, so Schulze. Seine These, beruhend auf interdisziplinärer wie politiknaher Forschung, seien prägend für die umweltpolitischen Debatten in Deutschland gewesen, bis heute. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren habe er Ideen entwickelt, die sie als Ministerin heute umsetze – etwa die CO2-Bepreisung.

Auch in dem VDW-Themenfeld Sicherheit und Friedenspolitik hat sich von Weizsäcker verdient gemacht. So stehe von Weizsäcker für eine Welt mit weniger Rüstung und militärischen Bedrohungen, sagte Schulze. Eine Welt, in der der Kapitalismus gezähmt werde und das Individuum mit seiner unveräußerlichen Würde Mittelpunkt allen Handelns sei. Eine Welt, in der es sich zu leben und für die es sich zu kämpfen lohne.

Auch als Ideengeber und Motivator hat sich laut Schulze Ernst Ulrich von Weizsäcker verdient gemacht. Er habe nicht nur die protestierende Jugend motiviert, auch Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Ingenieurinnen und Ingenieuren und unzählige andere seien von ihm und seinen Ideen inspiriert worden. Viele davon befänden sich unter den Teilnehmenden des Symposiums.

Weizsäckers Themen sind auch die Themen von VDW, WI und DGCoR

Heute beschäftigen sich weltweit viele Menschen mit den Themen, die Ernst Ulrich von Weizsäcker seit Langem umtreiben, und die für die Zukunft der Menschheit entscheidend sind: Klimaschutz, schonender Umgang mit Ressourcen, Schutz der Artenvielfalt, klimapositive Landwirtschaft und neue Formen der Mobilität, aber auch mit anderen politischen Themenfeldern wie neue Spielregeln für die Globalisierung, Bildung sowie Frieden und Sicherheit, allesamt Themen des Symposiums.

Auch in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zahlreichen Fachdisziplinen an diesen Themen. VDW-Geschäftsführerin Dr. Maria Reinisch betonte, Ernst Ulrich von Weizsäcker sei seiner Zeit immer voraus gewesen und habe sich mit den großen Zukunftsherausforderungen befasst. Seine Themen seien darum aktueller denn je.

Dem stimmten auch die drei Organisationen zu, bei denen sich Ernst Ulrich von Weizsäcker besonders engagiert hat: die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, das Wuppertal Institut und die Deutsche Gesellschaft Club of Rome. Dass die Klimafrage seit einigen Jahren eines der dominierenden Themen bei seiner Organisation sei, berichtete der VDW-Beiratsvorsitzende Prof. Ulrich Bartosch. Auch der Klimaforscher Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und an der Universität Kiel sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, wies auf die Bedeutung der Themen hin, mit denen sich Ernst Ulrich von Weizsäcker beschäftigt. Aus seiner Sicht hat die Menschheit die Grenzen des Wachstums erreicht und in einigen Bereichen längst überschritten, was beispielsweise an der Überfischung der Weltmeere, dem Plastikmüll in den Ozeanen und am Klimawandel zu erkennen sei. Darum müssten die Wissenschaftler jetzt den Elfenbeinturm verlassen und die Menschen überzeugen. Prof. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie erinnerte an die Entstehung seiner Institution und von Weizsäckers Beitrag dazu. Zwei visionäre Köpfe – Ernst Ulrich von Weizsäcker und Johannes Rau – seien zusammengekommen und hätten in den 90er-Jahren durch die Gründung des Instituts ein politisches Erdbeben ausgelöst.

Kunst macht Visionen lebendig

Um Visionen ging es auch auf dem Symposium in Berlin – und zwar sehr konkret: Maria Reinisch präsentierte im Verlauf der Veranstaltung fünf Kunstwerke. Sie basierten auf Visionen von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Bundesumweltministerin Svenja Schulze, Bundespräsident a.D. Horst Köhler, dem Wissenschaftsjournalisten und Mediziner Eckhart von Hirschhausen sowie einer gemeinsamen Vision der drei Organisationen VDW, WI und DGCoR. „Ziel“, so Maria Reinisch, „ist es, Visionen lebendig zu machen, dafür hilft die Kombination von Verstand und Herz, von Information und von Emotion, kurz: Menschen brauchen Bilder. Sie helfen auch dabei, vom Wissen und Wollen ins Tun zu kommen.“

In seinem Impulsvortrag auf dem Symposium ging Ernst Ulrich von Weizsäcker auf die großen Zukunftsthemen und die aktuelle politische Lage ein. Im Mittelpunkt stand dabei – wie im aktuellen Bericht des Club of Rome – die Nichtnachhaltigkeit der vollen Welt des Anthropozän, in der wir angesichts der steigenden Weltbevölkerung und des wachsenden Ressourcenverbrauchs heute leben. 1950, noch während seiner Kindheit, sei die Welt „leer“ gewesen. Danach habe sich alles mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit verändert. Die Natur antworte darauf, zum Beispiel mit dem Verlust von tropischen Wäldern. Aber es bestehe auch Hoffnung auf nachhaltiges Handeln, etwa durch eine technische Effizienzrevolution, zum Beispiel in Passivhäusern oder durch klimaneutrale Brennstoffe für Verbrennungsmotoren.

Mit den zentralen Zukunftsaufgaben beschäftigten sich im Anschluss acht Workshops, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Themen Klima, Globalisierung, Bildung, Sicherheit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, klimapositive Landwirtschaft sowie Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft diskutierten und Lösungen entwickelten. Sie waren die „Geschenke“, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums Ernst Ulrich von Weizsäcker präsentierten – zu dessen großer Freude.

Räume für neues Denken: Auftakt zu den Hochschultagen für eine Aufklärung 2.0

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion stellten die Hochschule Emden, die Hochschule Hamburg, die katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und die Hochschule Koblenz ihre gemeinsame Initiative „Neue Aufklärung – Aufklärung 2.0“ vor. Diese wird gemeinsam mit der VDW, dem Wuppertal Institut und der Deutschen Gesellschaft Club of Rome durchgeführt. Ziel sei es, einen ganzen Tag lang mit Studierenden sowie Wissenschaftlern und Vertretern aus Politik und Wirtschaft vor Ort dieses Thema zu reflektieren. Es gehe dabei um die Fragen: Was tun wir in der Wissenschaft eigentlich? Warum tun wir das? Und sind wir mit unserer wissenschaftlichen und technischen Expertise auf dem richtigen Weg? Die Hochschultage, die unter der Federführung von Prof. Ulrich Bartosch entstanden sind, sollen Räume des Um- und Neudenkens, Räume der Veränderung sein: „Wir wollen unsere Hochschulen als Raum des gemeinsamen Zukunftsdenkens für Studierende und Lehrende neu beleben. Dazu gehört die kritische Reflexion der Möglichkeiten und der Verantwortung von Wissenschaft.“

Wie stark Ernst Ulrich von Weizsäcker neues Denken und Prozesse der Veränderung inspiriert, wurde auch in der Ansprache des Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler deutlich: Von Weizsäcker sei mehr als ein Wissenschaftler, weil er den Blick für das Universale habe. Er sehe den Planeten als Ganzes, die Menschheit als Ganzes und auch die Gesellschaft als Ganzes. Und er höre nie auf, weiter zu lernen und neugierig zu sein. Auch die Unternehmer Dr. Michael Otto und Alfred Ritter betonten von Weizsäckers Verdienste und die Notwendigkeit, etwas zu ändern. Otto stellte fest, dass wir kein Wissens-, sondern ein Handlungsdefizit haben. Das sah auch Ritter so, der der Jugend hierzulande zurief, die schlafende Politik wachzuküssen.

Eckhart von Hirschhausen berichtete, dass die Begegnung mit Ernst Ulrich von Weizsäcker sein Leben verändert habe. Und er stellte eine bildhafte Verbindung zwischen unserer Lebensweise und unserem Alltag her – denn dauerhaftes Wachstum im Körper stehe meist für Krebs. Mit solchen Metaphern könne man neue Gruppen von Menschen für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren. Zudem forderte er weniger Untergangs- und mehr positive Übergangsszenarien. Die Zeit zu handeln sei jetzt. Und 2019 das Jahr, in dem es für niemandem mehr Ausreden fürs Nichtstun gebe.

*Die Dokumentation wird laufend aktualisiert

Ernst Ulrich von Weizsäcker gilt als einer der wichtigsten Vordenker für nachhaltige Entwicklung. Als Experte für Umwelt, Ökoeffizienz und Biologie verknüpft er in seinem wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Wirken in einzigartiger Weise die großen Themenkomplexe unserer Zeit. Er war unter anderem langjähriger Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, Co-Präsident des internationalen Club of Rome, sowie Gründungspräsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Mehr Informationen
Wir sind dran: „Eine Art Berliner Rede“ – Die Folien zum Vortrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Bilder des Symposiums

Keynote Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ernst Ulrich von Weizsäcker-VDW-Symposium-Wir-sind-dran-2019

Wie können wir in einer „vollen Welt“ überleben? In der Vergangenheit lagen die Dinge recht einfach: Die Welt war „leer“ – also groß im Vergleich zu den Aktivitäten des Menschen. „Aus dieser leeren Welt stammen unsere Fruchtbarkeit, die Kulturen der Welt und die Raubbau-Ökonomie“, so von Weizsäcker. Weiterlesen

Und was steckt hinter den Veränderungen in unserer Parteienlandschaft? Auch hier hat Ernst Ulrich von Weizsäcker eine klare Diagnose: Die Schwäche der SPD sei eine Folge des Siegeszugs sozialdemokratischer Ideen im 20. Jahrhundert. AfD-Wähler gehören aus seiner Sicht zu denjenigen Menschen in der Mittelschicht, die sich wegen sinkender Wohlstandszuwächse Sorgen machen – aber auf falsche Lösungen setzen. Weiterlesen

Ausgangslage:

Als ich 1940 geboren wurde, hatte – ausgelöst durch einen größen-wahnsinnigen Diktator – der bisher größte Krieg begonnen, der bis Anfang Mai 1945 insgesamt etwa 60 Millionen Opfer forderte und der auch nach seinem Ende mehr als 10 Millionen Menschen bei ethnischen Säuberungen zu Flüchtenden oder Vertriebenen machte. Ende der 1940er Jahre war außerdem klar, dass die Menschheit sich sogar durch militärische Nutzung der Erfolge der Naturwissenschaften mit Atomwaffen selbst fast völlig zerstören könnte. Mit der erfolgreichen Gründung der Vereinten Nationen 1948, der Verabschiedung der Menschenrechte 1949 und seither ohne erneuten Weltkrieg, begann eine wirtschaftliche Erholung vor allem der westlichen Demokratien, gestützt auf die rasant steigende Nutzung des zweiten der fossilen Brennstoffe, des Erdöls. Denn ein Liter des oft zähflüssigen schwarzen Goldes enthält etwa 10 Kilowattstunden Energie, genug um die Masse von 100 Kilogramm, einen gut ausgerüsteten Bergsteiger, drei Mal vom Meeresniveau auf den Mount Everest zu bringen.

Außerdem sollte nach damaliger Äußerung der meisten Wissenschaftler die bei der Atomkernspaltung freiwerdende Energie rosige Zeiten für die Menschheit schaffen, aber die Atomwaffen sollten auf keinen Fall mehr eingesetzt werden. Ersteres war ein in Kernschmelzen in USA, der Sowjetunion und Japan endender falscher Traum und das Zweite ist wegen des sehr wahrscheinlichen Untergangs auch des Angreifenden bis heute geglückt, wird aber jüngst wieder durch erneute atomare Aufrüstung in der Russischen Föderation, den USA und China unterminiert.

Fehlende Technikfolgenabschätzung als zentraler Grund für hohe Risiken

Im Jahr 1957, am 12. April, haben die „Göttinger 18“ (Atomphysiker, damals überwiegend aus Göttingen) sich gegen die Bewaffnung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen gewandt, nachdem Bundeskanzler Adenauer öffentlich und extrem verharmlosend von diesen als der Weiterentwicklung der Artillerie gesprochen hatte. Zusammen mit den ebenfalls sehr abgeneigten Alliierten waren die Wissenschaftler erfolgreich: Deutschland besitzt keine eigenen Atomwaffen. Im Originaltext der Göttinger 18 steht jedoch: „Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.“ Diese Äußerung nehme ich zum Anlass im Sinne der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), die ja aus den Göttinger 18 im Jahre 1959 hervorgegangen ist, für eine völlig andere Bewertung neuer Technologien zu werben: Alle neuen Technologien müssen bei ihrer Erforschung und Anwendung auch einen verpflichtenden Teil der Folgenabschätzung enthalten. Und im Sinne des in der EU geltenden  Vorsorgeprinzips darf zum Schutz des Lebens der Menschen und aller anderen Arten die Anwendung neuer Technologien nur international überwacht oder gar nicht gestattet werden. Wäre das geschehen, hätte es kein Ozonloch im Frühjahr über der Antarktis gegeben, viele Millionen Menschen wären nicht frühzeitig an der Luftverschmutzung gestorben, die jetzt industrialisierte Landwirtschaft hätte sich nicht so artenzerstörend entwickelt, wirksame Klimapolitik hätte etwa drei Jahrzehnte früher eingesetzt und die Folgen der Digitalisierung wären wahrscheinlich durch bessere Rechtsetzung eher überschaubar.

Die Bedeutung von Zeitskalen bei der Technikfolgenabschätzung

Regionale Luftverschmutzung durch kurzlebige Schadstoffe

Am Beginn der 1980er Jahre waren die durch Luftverschmutzung mit Schwefeldioxid ausgelösten Schäden in manchen Wäldern Mitteleuropas offensichtlich geworden. In der angeheizten öffentlichen Debatte reichte es im Oktober 1982, unmittelbar nach dem Ende der sozial-liberalen Koalition in Bonn, dass der neue Bundesinnenminister Zimmermann (CSU) die Großfeuerungsanlagen-Verordnung durch das Parlament gebracht hat (wir hatten noch keine Umweltministerin). Denn diese Verordnung reduzierte die Schwefeldioxid-Emissionen aus Kohlekraftwerken um etwa den Faktor 10 auf noch erlaubte 200 mg Schwefeldioxid pro Kubikmeter Abluft. Spätestens 1988 waren deshalb westdeutsche Kohlekraftwerke nicht mehr der Anlass für den sogenannten Wintersmog. In einer letzten flächendeckenden öffentlichen Ausrufung eines Fahrverbots wegen Luftverschmutzung durfte ich im Februar 1987 beim allerletzten offiziellen Wintersmogalarm mit Fahrverbot für private PKW in Hamburg nicht mehr zusammen mit drei Mitarbeitern zum GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht fahren. Kurioserweise war damals bei Südostwind im Osten Hamburgs die Luftverschmutzung höher als im Westen, denn die Verschmutzung hatte neben der smogverdächtigen Wetterlage als Grund die ungebremsten Emissionen der Braunkohlekraftwerke in der DDR und in Tschechien, und Hamburg war dabei schon eine Schwefeldioxidsenke.

Umweltpolitik bei regionaler Luftverschmutzung hat auch bei anderen Luftschadstoffen, vor allem auch durch die Richtlinien und Verordnungen der Europäischen Union große Erfolge zu verzeichnen. Nur Fehlverhalten der deutschen Industrie – wie bei der verschwiegenen und rechtswidrig unterlassenen Reduktion der Stickoxid-Emissionen aus Dieselautos – sowie die fehlende Kontrolle durch die zuständigen Behörden führen heute noch zu eng begrenzten Fahrverboten. Die Wirkung bei der Reduktion dieser kurzlebigen Luftschadstoffe tritt nach Tagen oder Wochen ein, man sieht also den Erfolg einer Maßnahme rasch.

Langlebige Beimengungen: Globale  Konzentrationsänderungen

Die Lebensdauer einer Beimengung in der Atmosphäre entscheidet über deren Ausbreitung. Drei der fünf wichtigsten natürlichen Treibhausgase in der nicht von uns veränderten Atmosphäre, nämlich die Nummer 2, das Kohlendioxid (CO2), die Nummer 4, das Lachgas (N2O), und die Nummer 5, das Methan (CH4), haben hohe Lebensdauern, anders als das dominante Treibhausgas, der Wasserdampf, der etwa nur 8 Tage in der Luft verweilt, und das Treibhausgas Ozon, das meist nur Tage bis Wochen überlebt. Ein von uns hinzugefügtes Quantum der langlebigen Gase dagegen braucht Jahrhunderte (CO2), ca. 120 Jahre (N2O), bzw. doch noch etwa 10 Jahre (CH4) bis es auf den Wert 1/e abgefallen ist. Es ist also für die Klimawirkung egal wo und von wem diese Gase emittiert werden. Um eine konstante, also nicht mehr ansteigende Konzentration in der Atmosphäre zu erreichen, dem Ziel der Rahmenkonzentration der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, müssen daher die bisherigen Emissionsraten stark gesenkt werden. Deshalb musste das Paris-Abkommen 2015 für das Erwärmungsziel von deutlich unter 2°C mittlerer globaler Erwärmung die Klimaneutralität in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts fordern, also den völligen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe. Dennoch wird die mittlere globale Lufttemperatur in Erdbodennähe über das ganze 21. Jahrhundert hinweg im Mittel weiter ansteigen. Wir haben also eine Klimaänderung über mindestens Jahrhunderte.

Stören wir auch über Jahrtausende?

Wenn ein großes Inlandeisgebiet wie das in Grönland oder das noch weit größere in der Antarktis wegen einer Temperaturerhöhung zum Schmelzen gebracht wird, entscheidet – wegen der trägen Reaktion dieser Eiskörper von Jahrhunderten und Jahrtausenden – die Dauer der Störung, also der erhöhte CO2-Gehalt der Luft, darüber wieviel Eis verloren geht und wie stark dadurch der Meeresspiegel ansteigt. Aus der rekonstruierten Klimageschichte über mindestens acht Eiszeit- Warmzeitzyklen aus den Eisbohrkernen der Antarktis über 800 000 Jahre hinweg und den früheren Küstenlinien ist bekannt, dass jede sehr langfristige Temperaturänderung um 1°C den Meeresspiegel um ca. 20 m anhob oder senkte. Der zurzeit bei 1°C Erwärmung seit Beginn des 20. Jahrhunderts beobachtete mittlere Meeresspiegelanstieg, zurzeit zwischen drei und vier mm pro Jahr, ist also nur ein kleiner Anfang des Anstiegs. Dazu gibt es eine wenig beachtete, eigentlich „brutale“ Äußerung im Sonderbericht des IPCC vom Oktober 2018 zum Ziel eine mittlere globale Temperaturänderung um 1,5°C nicht zu überschreiten: Auch bei Erreichung dieses Zieles, also einem Kraftakt der Menschheit mit wirklicher Weltinnenpolitik sind 28 bis 44 % des Eisvolumens im Ungleichgewicht. Weil wir 30 Jahre lang fast keine globale Klimapolitik betrieben haben, obwohl wir von den meisten Konsequenzen schon vor etwa 30 Jahren wussten, werden viele Millionen Menschen an den Küsten in den kommenden Jahrhunderten und Jahrtausenden ihre Heimat verlieren. Sie werden – wie es Art des Homo Sapiens ist – erst bei einer Flutkatastrophe weichen oder ertrinken.

Noch größere Zeitskalen sind zu diskutieren, wenn wir nach dem Ende des beschleunigten Artensterbens, hauptsächlich durch unsere industrialisierte Landwirtschaft ausgelöst und verstärkt durch Klimaänderungen, fragen. Was ist zu tun um all diese Probleme kleiner zu machen?

Wie sind wir dran?

Der Titel des hier diskutierten Buches „Wir sind dran“ ist bewusst zweideutig. Wenn wir die aufrüttelnden Tatsachen im Buch des Jubilars nur hinnehmen und keine globale Aktion starten, dann stolpern wir bald in eine globale Katastrophe, wir sind also dran. Wenn wir – wie im Buch auch skizziert –  reagieren, dann werden viele Probleme kleiner, einige große bleiben jedoch. Ein Beispiel: Ein Nationalist hebt den Sonderstatus einer Provinz seines Landes auf, um der Mehrheit im Land im dem Gebiet, wo sie eine Minderheit ist, Zugang zu den Ressourcen zu schaffen. Das Nachbarland, in dem die Minderheit die Mehrheit stellt, droht mit der Anrufung des UN-Sicherheitsrates wegen der Aggression. Beide Seiten besitzen Atomwaffen, wenn auch wenige im Vergleich zu den beiden großen Atommächten. Würden diese „wenigen“  eingesetzt, führt das – wie IPCC schon 2013 berichtete – zu einer seit Jahrtausenden auch bei Supervulkanausbrüchen nicht dagewesenen extrem raschen Abkühlung an der Erdoberfläche; denn wegen der großen Brände würde der sich weltweit ausbreitende (Ruß-)Teilchenschleier in der oberen Atmosphäre die Sonneneinstrahlung an der Oberfläche so mindern, dass in einem sogenannten nuklearen Winter die Ernten fast überall schrumpften, also eine globale Hungerkatastrophe drohte. Wir müssen also im Sinne der hier geschilderten Verquickung von Sicherheitspolitik und ökologischer Problemlösung sogar noch über das Thema des Buches hinausdenken. Bei großen bewaffneten Konflikten unterliegen ökologische Themen immer.

Ansprache Svenja Schulze

Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, hielt auf dem Symposium eine Ansprache, in der sie die Themen und Thesen, die Ernst Ulrich von Weizsäcker in den 70er und 80er Jahren entwickelte, als maßgeblich für das Erreichen der deutschen Klimaziele und richtungsweisend für die Arbeit ihres Ministeriums bezeichnete. „Die Maßnahmen, Politikinstrumente und Technologien sind seit Jahrzehnten bekannt,“ sagte sie. Jetzt geht es um die Umsetzung, ganz gemäß dem Motto „Wir sind dran“. Lesen Sie die gesamte Rede der Bundesumweltministerin hier.

Ansprache Horst Köhler

Bundespräsident a.D. Horst Köhler-VDW-Symposium-Wir sind dran

„Es gibt ein Phänomen der Wissenschaftsgeschichte, das heutzutage fast als ausgestorben gilt: den Universalgelehrten. Also Wissenschaftler, die sich auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft ungewöhnlich gut auskennen – Leonardo da Vinci natürlich, Alexander von Humboldt, Gottfried Wilhelm Leibniz. Universalgelehrte gibt es seit dem 20. Jahrhundert wohl nicht mehr wirklich, weil die Wissenschaften sich immer mehr spezialisierten und es heute kaum mehr möglich ist, sich in allen Gebieten auch nur der eigenen Disziplin auszukennen.“ Weiterlesen

Video zum Symposium

Eine Filmproduktion von feinfilm.

Auftakt für die Aktionstage zur Aufklärung 2.0

Auf dem Symposium und unter der Federführung von Prof. Ulrich Bartosch, Beiratsvorsitzender der VDW, haben vier Hochschulen das Motto „Wir sind dran“ aufgegriffen und eine neue Veranstaltungsreihe für das Jahr 2020 gestartet: als Zentren des Wissens, der Forschung und Lehre stellen sie sich in den Mittelpunkt einer Aufklärung 2.0, wie sie Ernst Ulrich von Weizsäcker angestoßen hat. Die Studierenden der Hochschulen sollen daher an einem Aktionstag an ihrer Hochschule durch ermutigende Begegnungen mit der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im besonderen Maße unterstützt und zur Entwicklung eigener nachhaltiger Lösungsansätze zu den Herausforderungen heute angeregt werden. Weiterlesen

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