*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.

Den Vorspann zu diesem Beitrag von Dr. Hans-Jochen Luhmann zu den Ursprüngen der Debatte über Atomwaffen und Kriegsverhütung und zur Forderung der Abschaffung des Krieges als Institution lesen Sie ihn hier

Eine allgemeine Definition von Krieg fasst ihn als mehr oder weniger streng organisierten, überwiegend gewaltsamen Konflikt zwischen sozialen Gruppen (von der Familie bis zu Staatenkoalitionen) um die Herrschaft in einem von beiden Gegnern beanspruchten Gebiet, um den Besitz eines bestimmten Guts oder zur Durchsetzung bestimmter kultureller, nicht zuletzt religiöser Werte (dazu ausführlicher: von Bredow, Kriege im 21. Jahrhundert, Berlin 2024). Solche Konflikte gibt es, seit sich Menschen als Gruppen oder Gemeinschaften zusammentun. Die Formen der Auseinandersetzungen variieren; sie werden unter anderem von den jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Machtkonstellationen beeinflusst, von den gruppeninternen Herrschaftsideologien und vom Stand der Waffenentwicklung.

Auf die Forderung nach Abschaffung oder Überwindung des Krieges trifft man in der Vergangenheit selten. Zwar enthalten religiöse Lehren in vielen Kulturen auch die Aufforderung zur individuellen oder kollektiven Friedfertigkeit. Doch die Wirkung blieb gering. Breitere Resonanz fand sie erst mit der Industrialisierung des Krieges im 19. Jahrhundert sowie den Tendenzen zum „totalen Krieg“ in der ersten Hälfte und der Nuklearisierung der Militärstrategie von USA und UdSSR in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die enorm hohen Opferzahlen der beiden Weltkriege und die Befürchtung eines weltweiten Armageddon durch einen nuklearen Schlagabtausch machen verständlich, dass Parolen wie „Nie wieder Krieg“ Verbreitung fanden.

Die Forderung nicht nur nach humanitären Regelungen für die Kriegführung, sondern nach der Überwindung des Krieges schlechthin wird auch von Carl Friedrich von Weizsäcker aufgegriffen. Am Ende seines Buches „Wege in der Gefahr“ (1976) stellt er nach der Forderung, die Institution des Krieges abzuschaffen (‚zu überwinden‘ in seiner Terminologie) ,die Behauptung auf, dass dies, jedenfalls nach einem „fälligen Bewusstseinswandel“, auch möglich sei. Der Abgrund zwischen der (von vielen aus nachvollziehbaren und jedenfalls ernst zu nehmenden Gründen unterstützten) Forderung auf der einen Seite und der (auf eine Reihe von bestreitbaren Vorannahmen und zeitgebundenen Reflexionen über die „kulturelle Angleichung der Weltteile“ gestützten) Behauptung auf der anderen ist allerdings weit und tief. Ein mittels Einsicht in die Notwendigkeit und politischer Urteilskraft einzuleitender Bewusstseinswandel kann ihn nicht überbrücken. Könnte er es, wäre er schon längst erfolgt. Die Doomsday Clock des Bulletin of Atomic Scientists ist nur eine von mehreren Metaphern, um auf die Nähe zur quasi finalen Menschheitskatastrophe durch einen Atomkrieg hinzuweisen. Seit Anfang 2026 ist der symbolische Zeitabstand dazu übrigens geringer denn je.

Aus heutiger Sicht wird die Zeitgebundenheit der Argumentation von Weizsäcker ganz deutlich. Das wird hier, nebenbei, übrigens nicht als Vorwurf vorgebracht. Schließlich haben wir ja alle mehr oder weniger deutliche Erfahrungen mit der Zeitgebundenheit des eigenen Denkens gemacht. Weizsäcker konzentriert sich auf den in der Tat ja auch hochgefährlichen Konflikt zwischen den beiden antagonistischen Systemen, dem damals noch als politische Einheit handlungsfähigen Westen und der UdSSR samt der von ihre kontrollierten Verbündeten/Satelliten.

Der fragile Prozess der Ost-West-Entspannung hat Hoffnungen auf wirksame Rüstungskontrollen geweckt, ansatzweise auch auf eine in längerer Perspektive mögliche „Konvergenz“ der Systeme. Das Drängen auf Rüstungskontrolle vor allem bei den Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen war motiviert von der Furcht vor einem Versagen der gegenseitigen Abschreckung (Mutually Assured Destruction, MAD). Die beruhte auf einem annähernden „Gleichgewicht des Schreckens“, das einen Ersteinsatz nuklearer Waffen militärisch und politisch ausschloss, weil der Angegriffene dann immer noch über genügend (besonders geschützte) Nuklearwaffen verfügte, um dem Angreifer mit einem Zweitschlag untragbare Schäden zuzufügen. „Wer als erster schießt, stirbt als zweiter“, das ist die paradoxe Sicherheitsgarantie von MAD. Tatsächlich war es eine allenfalls sehr fragile Garantie, denn die Atommächte unternahmen in der Militärforschung jeweils große Anstrengungen, um das Gleichgewicht des Schreckens rüstungstechnologisch aus der Balance zu bringen. Die Abkommen zwischen den führenden Atommächten zur Rüstungskontrolle waren Hilfsmittel (mit Hintergedanken) zur zeitweiligen Stabilisierung dieser Balance (und um Zeit zu gewinnen).

Vom Ende des Zweiten Weltkriegs an wurde die sich ausbildende Nuklearstrategie immer auch mit sogenannten konventionellen Militärstrategien verknüpft. Die zahlreichen Kriegshandlungen nach 1945 blieben auf die konventionelle Ebene beschränkt. Das machte sie für bedrohte Regionen alles andere als ungefährlich. Ein Team von zivilen Militärexperten um Carl Friedrich von Weizsäcker hatte überdies 1970/71 die Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“ (München, 1971) vorgelegt und einer erschrockenen Öffentlichkeit die zerstörerischen Folgen eines konventionellen Krieges in Mitteleuropa vor Augen geführt.

Wenn in den 1970er und 1980er Jahren von Krieg die Rede war, ging es in erster Linie um den militärischen Konflikt zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt, um den Kalten Krieg, dessen Eskalation in einen „heißen Krieg“ unbedingt vermieden werden sollte. Kriege in der „Dritten Welt“ mit anderen politisch-strategischen, operativen und taktischen Prioritäten wurden (außer in der Experten-Community) weniger reflektiert.

Das hat zu einem verkürzten Denkansatz geführt, nämlich einem, in dem die proklamierte „Überwindung einer bestimmten Form“ des Austrags von Machtkonflikten nach dem Muster der Ausbildung des modernen Staates mit dem Anspruch auf das Gewaltmonopol gedacht wird. Die künftige Entwicklung von Weltpolitik und Weltordnung erscheint in Weizsäckers Sicht geprägt von der „kulturelle(n) Angleichung der Weltteile aneinander, was „geradezu nach der politisch-organisatorischen Einheit“ in einer Art „staatsähnliche(n) Weltorganisation“ rufe.

Das waren/sind alles Illusionen, wie trotz der kurzen Phase westlicher Friedens-Euphorie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts immer weniger zu übersehen war/ist. Dass sich viele Menschen gerade hierzulande gegen das „immer weniger zu übersehen“ sträuben, geht vor allem auf zwei politisch-kulturelle Besonderheiten Deutschlands zurück: erstens den Nachwirkungen des Schocks, der Scham und des Schmerzes über die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft und zweitens das Wunschdenken über friedliche, interdependente, von ausgewogenen Handelsinteressen bestimmte internationale Beziehungen. In den politikwissenschaftlichen Theorie-Arsenalen verbanden sich die Konzepte vom „demokratischen Frieden“ mit der bislang unerfüllten Erwartung einer weltweiten Ausbreitung der Demokratie. Die Entwicklung der Weltpolitik und der Verfall westlicher Ordnungsvorstellungen [1] sprechen eine andere Sprache.

Die Kriege des 21. Jahrhunderts sind außerordentlich vielgestaltig. Die Erosion staatlicher Stabilität auf mehreren Kontinenten und das Aufkommen von substaatlichen Kriegsakteuren unterschiedlichster Art, die Wiederbelebung „klassischer“ Hegemonie-Strukturen, meist weit jenseits demokratischer Grundvorstellungen (Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, um nur sie zu nennen), die Einbeziehung des Cyberraums für feindliche Aktivitäten, nicht zuletzt die Waffenentwicklung auf verschiedenen Gebieten – all das besagt in der Summe, dass die Aussichten auf Zähmung kriegerischer Gewalt im Blick auf die Friedens-Erwartungen der frühen 1990er Jahre rapide abgenommen haben. Von ihrer Überwindung gar nicht erst zu sprechen.

Den Vorspann zu diesem Beitrag von Dr. Hans-Jochen Luhmann zu den Ursprüngen der Debatte über Atomwaffen und Kriegsverhütung und zur Forderung der Abschaffung des Krieges als Institution lesen Sie hier.

06.03.2026, Wilfried von Bredow 


Quellen:

[1] Dieser Vorgang ist dabei, nicht nur die Handlungsfähigkeit des Westens zu schmälern, sondern darüber hinaus auch die ordnungspolitische Einheit des Westens aufzulösen.

Bulletin of the Atomic Scientists. (n.d.). Doomsday clock. https://thebulletin.org/doomsday-clock/

Von Bredow, W. (2024). Kriege im 21. Jahrhundert: Wie heute militärische Konflikte geführt werden. be.bra Verlag.

Von Weizsäcker, C. F. (1976). Wege in der Gefahr: Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung. Carl Hanser Verlag.

Von Weizsäcker, C. F., Afheldt, H., et al. (1971). Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. Carl Hanser Verlag.

Prof. Dr. Wilfried von Bredow
Prof. Dr. Wilfried von Bredow
Prof. Dr. Wilfried von Bredow
Der Politikwissenschaftler wurde 1944 auf Schloss Heinrichsdorf in Hinterpommern (heute Polen) geboren und wuchs in Niedersachsen sowie in Düsseldorf auf. Nach dem Abitur im Jahr 1962 nahm er 1964 ein Studium der Politikwissenschaft und Soziologie in Bonn und Köln auf. 1969 promovierte er mit einer Arbeit über den Wehrbeauftragten.
Im Anschluss war er von 1969 bis 1972 wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Politische Wissenschaft in Bonn. 1972 wurde er auf eine Professur für Außen- und Internationale Politik an die Philipps-Universität Marburg berufen. In den 1970er Jahren engagierte er sich zudem in der Pugwash-Bewegung sowie in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und verbrachte längere Forschungsaufenthalte an verschiedenen ausländischen Universitäten. Seit 2009 ist er emeritiert.
In seinen wissenschaftlichen Publikationen beschäftigte er sich insbesondere mit dem Ost-West-Konflikt, der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik sowie mit dem Verhältnis von Bundeswehr und Gesellschaft.