*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.

Vorspann zum Blog-Beitrag von Prof. Dr. Wilfried von Bredow:
,,Ein „Ruck im Denken“ nützt nichts. Auch was notwendig erscheint, kann unerreichbar bleiben“. 

Im Februar 1939 hat der französische Physiker Joliot mit zwei Mitarbeitern in der Zeitschrift „Nature“ über seine Experimente zur Spaltbarkeit von Atomen durch Neutronen und die Freisetzung weiterer Neutronen durch die Spaltprodukte berichtet und damit auch die prinzipielle Möglichkeit einer Kettenreaktion aufgezeigt. Weil bei der Spaltung eines Atoms sehr viel Energie frei wird, wussten zu diesem Zeitpunkt nach Carl Friedrich von Weizsäcker rund 200 Personen (meist Physiker) von der Möglichkeit des Baus einer Atombombe. Das war kurz vor dem (von Hitler intendierten) Beginn des Krieges in Europa, der sich dann, gegen dessen Intentionen, aber gemäß Lehrbuch, zum 2. Weltkrieg ausweitete und der in Südostasien zu diesem Zeitpunkt auch bereits begonnen worden war. Carl Friedrich von Weizsäcker hat Ende Februar 1939 in einem Seminar von Otto Hahn in Berlin von dieser Neuigkeit erfahren. Nach dem Seminar am Abend hat er mit Georg Picht zusammen über die Konsequenzen nachgedacht. Das Ergebnis: „Uns ging … wie im Blitz die Erkenntnis auf, dass diese Entdeckung die politische Struktur der Welt radikal verändern müsse“ (Wege in der Gefahr, 1976, S. 203/4).

Nach Ende des zweiten Weltkriegs war der drohende dritte mit Einsatz von Atombomben das zentrale Thema, welches die Seelen beschäftigte. Die Atomfrage wurde in Deutschlands evangelischen Kreisen als Gewissensfrage gesehen und drohte zur Kirchenspaltung zu führen. Die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in Spandau tagte 1958 angesichts der Forderung einiger Politiker nach einer Atombewaffnung der Bundeswehr als auch der Bestrebungen, im Schulterschluss mit Frankreich, zu einer „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG) bzw. einer „Europäischen Politischen Gemeinschaft“ (EPG) zu kommen. Mit ihrer sogenannten Ohnmachtsformel, „Wir bleiben unter dem Evangelium zusammen und mühen uns um die rechte Einsicht“ aber führte die Synode dann doch einerseits zur Gründung der „Aktion Sühnezeichen“ und andererseits zur Gründung einer Kommission zur Atomwaffenfrage, der Carl Friedrich von Weizsäcker angehörte. Diese veröffentlichte 1959 ihren Abschlussbericht als „Heidelberger Thesen“.

Darin wurde in These 6 zu Atomwaffen die bekannte „Komplementaritätsformel“ formuliert: „Wir müssen versuchen, die verschiedenen im Dilemma der Atomwaffen getroffenen Gewissensentscheidungen als komplementäres Handeln zu verstehen.“ Die Pointe aber ist, dass diese gespaltene Haltung zu den Atomwaffen eingebettet war in eine konsensuale Entscheidung zum Thema „Abschaffung des Kriegs als Institution“.

Grundeinsicht dafür war die wie folgt formulierte Einsicht in Leistung und Begrenzung der überkommenen Lehre vom gerechten Krieg: „… die ja nicht eine Rechtfertigung, sondern eine Begrenzung des als unvermeidlich anerkannten Übels des Krieges bezweckte. Krieg sollte nur zur Abwehr größeren Übels und nur so geführt werden, daß er nicht selbst zum größeren Übel wurde. Niemand kann leugnen, daß dieses Prinzip in der Christenheit durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder flagrant verletzt worden ist. Aber wenigstens war sein prinzipieller Sinn klar; wenigstens die Möglichkeit seiner Anwendung bestand. Wir sehen nicht, wie dieses Prinzip auf den Atomkrieg noch angewandt werden kann. Er zerstört, was er zu schützen vorgibt.“

Die Entscheidung zum Thema „Abschaffung des Kriegs als Institution“ in These 3 lautete „Der Krieg muß in einer andauernden und fortschreitenden Anstrengung abgeschafft werden.“

Präzisiert wird diese These mit der Erläuterung: „Wir würden es aber für einen verhängnisvollen Irrtum halten, wollte man in der Fortdauer begrenzter Kriege einen stabilen Zustand sehen. Nicht die Ausschaltung der Atomwaffen aus dem Krieg, sondern die Ausschaltung des Krieges selbst muß unser Ziel sein.“ Zum diagnostischen Hintergrund wird formuliert: „Die Gegenwart des Krieges in der Menschheit gleicht einer tausendjährigen chronischen Krankheit. Zahllose Institutionen und Reaktionsweisen setzen seine Möglichkeit voraus. Das gegenwärtige Gleichgewicht des Schreckens bedient sich der fortdauernden Kriegsfähigkeit des Menschen, um den Kriegsausbruch hintan zu halten; es gleicht einer gefährlichen Schutzimpfung mit dem Krankheitsserum selbst.“

Damit ist auch der doppelte Ansatzpunkt für den Hebel benannt, an dem anzusetzen hat, wer den Krieg (als Institution) mit Aussicht auf Erfolg abschaffen können will. In seinem Buch „Wege in der Gefahr. Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung“ (1976), welches im Verbund mit dem von Horst Afheldt „Verteidigung und Frieden. Politik mit militärischen Mitteln“ sowie dem Buch von zwei Militärs bzw. Militärtheoretikern aus Österreich (Emil Spannocchi) und Frankreich (Guy Brossolet) unter dem Titel „Verteidigung ohne Schlacht“ veröffentlicht wurde, hat Carl Friedrich von Weizsäcker gleichsam die Summe seiner Überlegungen zur Kriegsverhütung mit Aussicht auf die Bedingungen zur Abschaffung des Krieges als Institution vorgelegt.

Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass in den beiden Friedensdenkschriften der EKD seit 1989 die rahmende Forderung nach Abschaffung des Krieges einfach entfallen ist. Die Atomwaffenfrage aber wird weiter traktiert, ohne einen Grund für den Wegfall der weitergehenden Rahmung zu nennen.

Zudem ist im Jahre 2024 das Buch von Wilfried von Bredow „Kriege im 21. Jahrhundert. Wie heute militärische Konflikte geführt werden.“ erschienen. Dessen Autor war in den 1980er Jahren Mitglied jener sicherheitspolitischen Studiengruppe der VDW, die von Horst Afheldt geleitet wurde und in der Carl Friedrich von Weizsäcker Mitglied war. Es lag nahe, den Autor zu bitten, seine implizite These, dass Kriege nicht abgeschafft, sondern weiter das politische Feld im 21. Jahrhundert dominieren werden, in Auseinandersetzung mit Carl Friedrich von Weizsäckers Argumentation in seinem Buch „Wege in der Gefahr“ zu begründen. Er hat der Bitte freundlicherweise entsprochen, den Beitrag lesen sie hier.

06.03.2026, Hans-Jochen Luhmann 

Quellen:

Weizsäcker, C. F. von. (1977). Wege in der Gefahr: Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung. C. Hanser.

Dr. Hans-Jochen Luhmann
Dr. Hans-Jochen Luhmann
Hans-Jochen Luhmann, Jahrgang 1946, studierte Mathematik, Volkswirtschaftslehre und Philosophie in Hamburg, Basel und Heidelberg. Von 1974 bis 1980 war er Mitglied der Arbeitsgruppe Umwelt, Gesellschaft, Energie (AUGE) an der Universität Essen. Als Geschäftsführer war er für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) tätig. In den achtziger Jahren leitete er die Fachabteilung „Ökonomie und Recht“ bei Fichtner Beratende Ingenieure und ab 1993 war er stellvertretender Leiter der Abteilung Klimapolitik des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Gegenwärtig ist Dr. Luhmann Senior Expert (Emeritus) am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Herausgeber der Zeitschrift „Gaia – Ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft“. Zudem war Luhmann viele Jahre Vorstandsmitglied der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, derzeit gehört er dem VDW-Beirat an.