Ein Erklärungsversuch beunruhigender gesellschaftlicher Entwicklungen

 

*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.

Im Mittelpunkt des Beitrages steht die Frage, welche Treiberkräfte die Entwicklung der Gesellschaften – bis hin zum Anthropozän – bedingen und welche Rolle hierbei der Möglichkeit individueller und kollektiver Entängstigung zukommen könnte. Hierzu wird die aktuelle Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie und sozialer Bewegungen und deren Auswirkungen kursorisch reflektiert. Sichtbar wird, wie bedeutsam die Auseinandersetzung mit der eigenen Begrenztheit, Verwundbarkeit und Endlichkeit (ontologische Konfrontation) ist und wie vielfältig die Neben- und Fernwirkungen einer zunehmenden Auflösung des Kontingenzprinzips als wesentliches soziales Kennzeichen des Anthropozäns. Um mehr Licht in die Verhältnisse zu bringen, führen die Verfasser gegenwärtig eine bundesweit vorgetragene Studie zur eigenen Endlichkeit und Sterben durch. Alle Leser sind eingeladen an dieser teilzunehmen [1].

[1] Die Ergebnisse werden auch durch den VDW eV vorgestellt.

Vorbemerkungen

Die Schönheit und Eleganz der vorsokratischen Philosophie haben sicher nicht nur Karl R. Popper in ihren Bann geschlagen, als er diesen Philosophen in seinem Buch „Conjectures and refutations“ [i] ein Kapitel widmete. Die Vorsokratiker können als die ersten antiken griechischen Philosophen gelten – zumindest sind es die ersten, deren Gedanken überliefert sind –, die systematisch nach rationalen Welterklärungen suchten und sich damit von mythologischen Konzepten abwandten.[ii] Sie versuchten, einfache Prinzipien zu finden, die es erlaubten, die Fülle der beobachtbaren Phänomene einer Erklärung zuzuführen. Thales sah im Wasser das Urprinzip; er wählte also ein stoffliches Prinzip. Sein Schüler Anaximander ging darüber hinaus, als er ein abstraktes Prinzip des Unendlichen oder Unbegrenzten postulierte. Die Pythagoreer sahen in Zahlen den Ursprung des Seins. Fast schon vertraut klingen die Ideen der Atomisten, die die Existenz unteilbarer Teilchen und von diesen Teilchen wirkenden Kräften annahmen. Mehr als 2500 Jahre vor unserer Zeit entwickelten die Vorsokratiker Ideen, die bis heute ihre Spuren in modernen Welterklärungsansätzen der Naturwissenschaften hinterlassen haben.

Allerdings konnten die Theorien, sofern man die Ideen der Vorsokratiker als solche ansehen möchte, nur dazu genutzt werden beobachtbare Phänomene nachträglich zu erklären bzw. unter die postulierten Prinzipien zu subsummieren. Ihren Theorien fehlte jedoch eine Eigenschaft, die Theorien der modernen Naturwissenschaften auszeichnet – die Möglichkeit, (mehr oder minder) präzise Voraussagen über das Verhalten eines Weltausschnitts treffen zu können. Diese Eigenschaft moderner Theorien macht sie so leistungsfähig, denn damit beinhalten sie Handlungsanweisungen, die es uns erlauben gezielt auf die Welt einzuwirken und sie nach unseren Wünschen zu gestalten. Das konnten die Vorsokratiker noch nicht, zumindest nicht in der systematischen Weise, wie es heute möglich ist.

Das bedeutet aber auch, dass die Zukunft den Menschen der vorsokratischen Zeit viel offener und damit auch unsicherer erscheinen musste als uns heute. Wir können jedoch durchaus vermuten, dass sich die Zeitgenossen der Vorsokratiker dieser Situation im Grundsatz bewusst waren – und nicht nur im antiken Griechenland. Die Entwicklung der Astronomie in vermutlich allen Hochkulturen der Welt spricht dafür, dass die Menschen der Antike wissen wollten – und in Bezug auf bestimmte Ereignisse, die bspw. Einfluss auf die Landwirtschaft haben, auch wissen mussten –, was die Zukunft wohl bringen wird.[iii]

Trotz der Hinwendung zu rationalen Welterklärungen blieb in der antiken griechischen Welt aber immer Platz für Religion; häufig war sie wesentliche Quelle moralischer Prinzipien. Das scheint bis heute der Fall zu sein. Ohne dass wir dies für diesen Essay überprüfen konnten (oder wollten), findet sich doch immer wieder die Aussage, dass bspw. viele zeitgenössische Physiker*innen religiös seien. Es sei dahingestellt, ob die häufig genannten Beispiele wirklich einen Ausweis für diese Behauptung darstellen – wenn bspw. auf Albert Einsteins Aussage verwiesen wird, dass Gott nicht würfle, oder auf Stephen Hawkings Bemerkung, dass wir den Plan Gottes kennen würden, wenn es gelänge, eine große vereinheitlichende Theorie zu finden. In jedem Fall scheinen aber auch Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Welterklärungen zu finden, die ohne Rückgriff auf das Übernatürliche auskommen, nicht vollständig ohne eben dieses Übernatürliche auskommen können und/oder wollen.

Es muss betont werden, dass dies eine Feststellung ist, keine Kritik. Die hier Schreibenden sind sich in ihrer Haltung zum Übernatürlichen nicht wirklich einig. Das ist auch nicht entscheidend, denn wir möchten den Versuch unternehmen bestimmte aktuell sichtbare gesellschaftliche Phänomene zu erklären und nicht zu bewerten – auch wenn Letzteres durchaus schwerfällt und vermutlich auch in diesem Text Wertungen nicht ausbleiben werden.

Der Rückgriff auf letzte Prinzipien kann ungemein leistungsfähig sein, wie die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften eindrucksvoll belegt. Der Grad der heute bestehenden Einflussmöglichkeiten, den die Menschheit mit der Entwicklung der Naturwissenschaften und der darauf beruhenden modernen Technik erreicht hat, wird am deutlichsten, wenn man diesen Stand mit den Möglichkeiten früherer Zeiten vergleicht: Menschen bauen heute Maschinen, die Kraft aus dem Unteilbaren, aus dem Atom, gewinnen; sie entwickeln andere Maschinen, die zumindest in Bezug auf manche Aspekte dem menschlichen Verstand ebenbürtig oder gar überlegen sind; von Gießen nach New York zu reisen nimmt heute weniger Zeit in Anspruch als eine Reise von Gießen nach Frankfurt vor zweihundert Jahren; es ist möglich, von Regensburg aus mit Menschen in Tokyo in Bild und Ton live zu kommunizieren. Diese weitreichenden Handlungsmöglichkeiten haben dazu geführt, dass inzwischen davon gesprochen wird, dass wir in einem eigenen Erdzeitalter leben, dem Anthropozän.

Wenn vom Anthropozän gesprochen wird, stehen nicht selten jedoch vor allem die Schattenseiten der Handlungs- und Einflussmöglichkeiten des Menschen im Vordergrund – Klimawandel, Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Ressourcenverbrauch. Diese Entwicklungen bedrohen langfristig die Existenz aller Menschen, zumindest aber einer globalen Zivilisation, die trotz aller ihrer Schwächen und Defizite und Ungerechtigkeiten erhaltenswert erscheint, da sie doch die Grundlage dafür bietet, dass eine in der bisherigen Geschichte nie gesehene Zahl von Menschen ein durchaus menschenwürdiges Leben führen können – und eine noch weitaus größere Zahl, wenn es jene Schwächen, Defizite und Ungerechtigkeiten nicht gäbe. Wenn nun vor 2500 Jahren die Vorsokratiker sich aufmachten, um rationale Welterklärungen zu finden, stellt sich heute umso dringlicher die Frage, warum es der Menschheit nicht gelingt, auf die globalen Herausforderungen des Anthropozäns auf rationale Weise zu reagieren und Maßnahmen einzuleiten, um die Schattenseiten der Handlungs- und Einflussmöglichkeiten des Menschen in den Griff zu bekommen und um die Schwächen, Defizite und Ungerechtigkeiten unserer globalen Zivilisation zu beseitigen.

Ohne Zweifel gibt es Versuche, dies zu tun und es gibt unzählige Menschen, die sich daran beteiligen. Trotzdem kann man sich als halbwegs neutraler Beobachter kaum des Eindrucks entziehen, dass sich viel zu wenig bewegt und/oder in die völlig falsche Richtung bewegt – und das gilt nicht nur für den globalen Maßstab, sondern gleichfalls für das individuelle Handeln im Kleinen, im Alltag. Im Folgenden soll versucht werden hierfür ein Prinzip zu identifizieren, mit dem dieses Scheitern erklärt werden könnte. Die etwas längere Ausführung soll darauf hinweisen, welche Chancen und Möglichkeiten, aber eben auch Risiken und Probleme in solchen Prinzipien stecken – das Prinzip der „Entängstigung“ bildet hierbei keine Ausnahme. Es taugt wohl alleine nicht zur Voraussage, aber immerhin erlaubt es retrospektiv zu erklären, was derzeit in unseren Gesellschaften passiert. Es ist also ein zu prüfendes Werkzeug, das – allenfalls Hinweise darauf geben kann, was es zu berücksichtigen gilt, wenn die globale Situation verbessert werden soll.

Eine mögliche Situationsbeschreibung

Es ist kein Zufall, dass dieser Beitrag in den letzten Tagen und Wochen entstanden ist. Die Welt befindet sich durch die COVID-19-Pandemie seit Monaten in einem Ausnahmezustand. Global betrachtet, sind nicht alle Länder auf gleiche Weise betroffen, aber wohl alle sind betroffen und manche – in Europa bspw. Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien, wenn man die absoluten Todeszahlen betrachtet, und insbesondere Schweden, wenn man die Zahl der Toten pro 100.000 Einwohner in Rechnung stellt – Länder und/oder Landstriche wurden sehr heftig getroffen. Will man aus der Flut der Bilder und Informationen über die COVID-19-Pandemie etwas hervorheben, sind die Bilder von Notfriedhöfen vielleicht am verstörendsten – Bagger heben Gräben aus, in denen Sarg an Sarg, manchmal sogar nur einfache Holzkisten, verscharrt werden. Das sind Bilder, die in den letzten 75 Jahren viele Menschen bisher allenfalls in der Zeitung oder im Fernsehen im Zusammenhang mit Krieg oder Bürgerkrieg sowie Epidemien wie Ebola in fernen Ländern gesehen haben, aber doch nicht in italienischen Städten oder New York.

Doch trotz der vielen Opfer müssen wir eine irritierende Erfahrung machen. Selbst in Ländern mit hohen absoluten und/oder relativen Opferzahlen melden sich nicht nur vereinzelt Stimmen, die die Existenz der Pandemie verneinen oder verharmlosen, die sich gegen sinnvolle Maßnahmen wenden, diese zuweilen Kraft politischer Autorität sogar verhindern oder doch verzögern und abschwächen. Man kann Stimmen hören, die mit Rückgriff auf wirtschaftliche Überlegungen simpelste Maßnahmen wie Abstandhalten oder Maskentragen ablehnen; manche Leute rechnen sogar wirtschaftliche Schäden mit Menschenleben auf. Wer sich Berichte über Proteste gegen COVID-19-Schutzmaßnahmen aus den USA anschaut – CNN zeigt bspw. zahlreiche seiner Reportagen auf YouTube –, kann Menschen, und nicht nur wenige, sehen, die Schilder hochhalten, auf denen das Maskentragen oder das Abstandhalten als „punishment, not protection“ bezeichnet wird, die Pflicht zum Maskentragen wird mit Kommunismus gleichgesetzt und es wird davon gesprochen, dass die Freiheit der Menschen gefährdet sei, wenn COVID-19-Schutzmaßnahmen ergriffen würden.

Nun ist es einfach, mit dem Finger auf die USA zu zeigen – etwas, was in Deutschland und Europa ja nicht erst seit der Präsidentschaft Donald J. Trumps durchaus üblich ist, denn der Antiamerikanismus ist spätestens seit dem Vietnamkrieg in den 1960er und 1970er Jahren sehr verbreitet und gehört in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen fast schon zum guten Ton. Doch bekanntermaßen zeigen dann, wenn man mit dem Finger auf jemand zeigt, immer mindestens drei andere Finger auf einen selbst – das ist nicht nur ein hübscher Spruch, sondern empirisch prüfbar. In Deutschland, genauso wie in vielen anderen europäischen Ländern, gibt es Parteien und Gruppen, die argumentieren, dass die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen illegitime Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger*innen seien.

Versucht man die gerade skizzierten öffentlich geführten Debatten sachlich zu betrachten, kann man formulieren, dass hier um eine Güterabwägung gestritten wird. Einige gesellschaftlich sehr sichtbaren (aber nicht notwendigerweise zahlenmäßig große) Gruppen plädieren dabei letztlich dafür, das medizinische Geschehen als weniger relevant zu bewerten als die Freiheitsrechte, die sie für sich in Anspruch nehmen.

Doch nicht nur auf dieser, auf politische Wirkung abzielende Ebene werden Schutzmaßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie in Wort und Tat infrage gestellt. Wer, um nur zwei Beispiele zu nennen, durch eine beliebige Innenstadt in Deutschland läuft oder wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, wird sich kaum des Eindrucks erwehren können, dass ein nicht unerheblicher Teil der dort sich aufhaltenden Menschen aus Unwissen oder auch ganz bewusst jeder Schutzmaßnahme entzieht. Ein Blick in die Medien bestätigt diesen Eindruck – wilde Feiern, Missachtung aller Maßnahmen im Urlaub oder in der Freizeit allenthalben.

Zuweilen wird dieses Verhalten als widerständig bezeichnet, als Ausdruck einer kritischen Haltung gegenüber undurchsichtigen und letztlich freiheitsberaubenden politischen Maßnahmen. Wir, die diese Zeilen schreiben, können uns aber nicht des Eindrucks erwehren, dass hier nicht zuletzt ein erheblicher Mangel an Empathie vorliegt. Angesichts der herzzerreißenden Berichte über sterbende Menschen bspw. aus Bergamo, wo Gemeinden dezimiert wurden, stellt sich die Frage, wodurch dieses Fehlen von Empathie verursacht wird. Man könnte diese Frage auch anhand anderer Phänomene stellen: trotz der nicht mehr zu leugnenden Zeichen der anhebenden Klimakrise werden SUVs wie geschnitten Brot verkauft, subjektiv scheint die Zahl von illegalen Autorennen mit unbeteiligten Verletzten und Toten zu steigen, Rettungssanitäter*innen und Notärzt*innen, Polizist*innen und Feuerwehrleute sehen sich immer öfter nicht nur aggressiven, sondern gewalttätigen Gaffern gegenüberstehen.

Entängstigung

Vermutlich gibt es zahlreiche Ursachen, aber hier soll versucht werden, ein Prinzip zu identifizieren, das den genannten (und ungenannten) Phänomenen zugrunde liegt. Das Prinzip der Entängstigung, das hier vorgeschlagen wird, unterliegt den benannten Einschränkungen, erlaubt allein wohl kaum Vorhersagen indes soll es helfen, Ordnung in die doch sehr verschiedenen Phänomene zu bringen.

Es mag verblüffen, dass wir hier Entängstigung nennen, wo doch die mediale Berichterstattung insbesondere von wachsenden Existenzängsten angesichts der wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie spricht, von der Zunahme von Depressionen und dem Leiden an Einsamkeit. Bedenkt man zudem, dass die Berichte in den Medien vor dem Ausbruch der Pandemie einerseits geprägt waren durch die weltweiten und monatelang anhaltenden Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung gegen die Klima- und Umweltzerstörung und andererseits durch die anhebenden Black-Lives-Matter-Proteste, könnte man zurecht anmerken, dass sich in diesen Protesten doch massive Ängste äußerten – und dabei ließen sich auch noch weitere Beispiele anführen für mehr oder minder weitverbreitete Demonstrationen und Proteste, in denen sich Ängste manifestierten.

Trotzdem möchten wir an diesem Prinzip bzw. Erklärungsansatz festhalten und denken, dass dieses ursächlich auch in einem Verlust des Wissens um die eigene Endlichkeit verwurzelt ist. Es ist zu vermuten, dass das Wissen um die eigene Endlichkeit durch ganz verschiedene Entwicklungen verloren gegangen ist oder geschwächt wurde. Ein Faktor ist vermutlich das Verschwinden des realen Todes realer Menschen aus dem Alltag und damit aus dem unmittelbaren Erleben der meisten Menschen. Die meisten Menschen wünschen sich zwar ein Sterben im eigenen Zuhause im Kreise von Angehörigen und nahestehenden Personen, aber die Realität sieht anders aus – Sterben findet überwiegend im Krankenhaus und den Pflegeeinrichtungen statt und oftmals begleitet allenfalls von den dort beschäftigten Menschen. Insbesondere westlich geprägte Gesellschaften haben das Sterben weitgehend der öffentlichen, selbst der familiären Sichtbarkeit entzogen. Das führt dazu, dass sich viele Menschen nie dazu gezwungen oder zumindest dazu veranlasst sehen, sich mit der eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit auseinanderzusetzen – und damit mit der Tatsache, dass die eigene Existenz nicht nur gefährdet, sondern grundsätzlich befristet ist. Ohne Beschäftigung mit dieser existenziellen Infragestellung verliert die eigene Endlichkeit ihren Schrecken. In Abwesenheit krisenhafter Situationen wie der COVID-19-Pandemie versprechen Wissenschaft, Medizin und Technik zudem – zumindest in der öffentlichen Sichtbarkeit – Abhilfe für praktisch alle Unbilden des Lebens. Auch dies trägt zur Entängstigung bei.

Die oben bereits benannten weitreichenden Handlungs- und Einflussmöglichkeiten des Menschen, die mit dem Begriff des Anthropozäns zusammengefasst werden, führen aber gleichzeitig dazu, dass sich die Folgen deren Nutzung von den Verursacher*innen entkoppeln oder zumindest der Zusammenhang zwischen Handlungen und Folgen nicht mehr einzelnen Personen, Gruppen, Institutionen oder Unternehmen zugeordnet werden können – und damit ist Verantwortungszuweisung schwierig und Verantwortungsabweisung leicht. Die Folgen des eigenen Konsum- und Mobilitätsverhaltens, um nur zwei Beispiele zu nennen, können (vermeintlich) in die Zukunft verschoben werden, die Auswirkungen des ungeschützten Feierns beim Ballermann in Mallorca können ignoriert werden, sofern man nicht selbst die Folgen einer COVID-19-Ansteckung tragen muss, die Wirkungen von extremen Äußerungen in sozialen Medien in Bezug auf die COVID-19-Schutzmaßnahmen oder schlicht von rassistischen und anderen hasserfüllten oder diskriminierenden Bemerkungen scheinen im Grundrauschen der Informationsfluten unterzugehen – Angst vor dem Erleben bzw. Ertragen der Folgen, das Kontingenzprinzip geht verloren. Auch das, so denken wir, gehört zum Phänomen der Entängstigung.

Entsolidarisierung

Vielleicht, so könnte man zumindest denken, stellt diese Entängstigung eine ergänzende Reaktionsmöglichkeit auf die Verängstigung durch die Zunahme der Komplexität unserer Lebenswelt dar. Möglich auch, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato-Si“ vermutet, ist sie ein menschliches Handlungsmuster, das sich ergänzend durch Narzissmus, Eigennutz, Schnelllebigkeit und Entgrenzung auszeichnet [iv] . Denkbar auch, dass wir hier etwas erleben, das insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren in der politischen Philosophie in der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte immer wieder angesprochen wurde: Dass nämlich liberale Gesellschaften nicht in der Lage seien, die Grundlagen ihrer eigenen Existenz aufrechtzuerhalten, weil sich niemand mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühle. Diese Debatte gipfelte unter anderem in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“ durch den InterAction Council.[v]

Man muss diesen Vermutungen zur Herkunft der Entängstigung nicht zustimmen, den damit verbundenen Konzepten zur Abhilfe nicht beipflichten – die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten ist bspw. schon deshalb problematisch zu sehen, da sie nicht zuletzt auch von Personen in die Welt gesetzt wurde, deren Demokratie- und Menschenrechtsverständnis – um es vorsichtig auszudrücken – entwicklungsfähig ist oder war. Die Rückkehr in eine Zeit der Furcht vor einem zürnenden Gott ist ohne Zweifel keine Lösung; das Gleiche lässt sich zu Obrigkeitshörigkeit sagen.

Besorgt machen muss aber, dass es in Folge der beschriebenen Entängstigung zur Entsolidarisierung kommen kann – gut sichtbar an der Diskussion um COVID-19-Schutzmaßnahmen bzw. an deren vehementen Ablehnung von gar nicht so wenigen Politiker*innen, aber auch ganz normalen Menschen. Wer auf das Recht auf durch keine Schutzmaßnahme gehemmten Party (bzw. Urlaub, Feier, Konzert, Fußballspiel etc.) besteht, nimmt zumindest billigend in Kauf, dass in der Folge andere Menschen Krankheit oder gar den Tod erleiden – selbst in der eigenen Familie oder dem eigenen Freundeskreis. Das kann man nur als fehlende Solidarität gegenüber und Sorge um andere Menschen bezeichnen.

Selbst das oft gehörte Argument, dass es doch zunächst einmal die freie Entscheidung der einzelnen Person sei, ob sie das Risiko der eigenen Ansteckung eingehen will, verfängt nicht. Wenn man für einen kurzen Moment kontrafaktisch räsoniert und probehalber annimmt, dass die Ablehnung COVID-19-Schutzmaßnahmen ausschließlich gesundheitliche Konsequenzen für die ablehnende Person hätte, zeigt sich in einem entsprechenden Verhalten ein Moment der Entsolidarisierung – zumindest in allen Ländern, die über ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem verfügen. Denn die Kosten der eigenen Erkrankung werden auf alle Versicherten abgewälzt – in der Ethik wird das als „moral hazard“ bezeichnet. Man kann das, was wir hier beschreiben, im Übrigen auch ökonomisch fassen und als klassisches Kollektivgutproblem begreifen: Jene, die COVID-19-Schutzmaßnahmen ablehnen, weigern sich einen Beitrag zum Kollektivgut Gesundheit zu leisten.

Lösung?

Wie gesagt: Angst vor einem zürnenden Gott, dem Fegefeuer oder auch nur vor der strafenden Obrigkeit ist vermutlich keine gute Lösung – die Nebenwirkungen wären hierbei tatsächlich einmal schlimmer als die Krankheit, zumindest mittel- bis langfristig. Tatsächlich aber wurde eine Lösung ganz zu Beginn dieses Essays bereits en passant benannt: Die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit war nicht nur im antiken Griechenland Teil eines guten und gelungenen Lebens.

Es bedarf einer zeitgemäßen Übersetzung der ars moriendi mit dem Ziel eines gelungenen Lebens im Sinne der ars vivendi. Es geht also nicht darum, der beschriebenen Entängstigung eine neue Verängstigung entgegenzusetzen – Angst ist nicht immer, aber doch oft eine schlechte Ratgeberin.  Stattdessen wäre es wichtig, dass sich die Menschen jenseits religiöser, mythologischer oder esoterischer Überzeugungen aufgrund von Vernunft und Reflektion, ihrer eigenen Endlichkeit und Begrenztheit bewusst sind. Dadurch würden sie ihre Umwelt und deren Ressourcen in ihrer Bedeutung auch für ihre eigene Existenz weit besser erkennen.

Das Einüben in diese ars moriendi sollte früh beginnen; bereits von Kindesbeinen an können sich Menschen mit ihrem begrenzten Lebenszeitraum auseinandersetzen. Tatsächlich wird dieses Element vorausschauender Lebensplanung seit Jahrzehnten im Kontext der Thanatologie (Wissenschaft von Trauer, Tod und Sterben) eingefordert, ist aber nie eingelöst worden.

Das klingt pädagogisch und selbst schon esoterisch, doch hat es handfeste Bedeutung nicht nur für die einzelne Person, sondern auch für unser Gesundheitswesen. Man bedenke nur einmal Folgendes: Die überwiegende Zahl aller Menschen, die man zu diesem Thema befragt, äußert den Wunsch zuhause sterben zu können. Tatsächlich sterben in Deutschland (und vermutlich gilt dies für die meisten industrialisierten Länder ebenfalls) die meisten Menschen in einem stationären Rahmen. Die Angst vor einem anonymen Sterben, in einer professionellen, technisch geprägten Umgebung ist erheblich – und zum Teil auch gerechtfertigt; die Ursachen hierfür und mögliche Abhilfen dazu wird derzeit im Projekt Avenue-Pal (siehe https://www.avenue-pal.de) untersucht, das vom Innovationsfond des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) finanziert wird. Tatsächlich aber findet auch etwas statt, was man – angesichts des Themas mag das etwas despektierlich klingen – als ‚Romantisierung‘ des häuslichen Sterbens nennen könnte. Denn die meisten Menschen machen sich nicht klar, dass die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass das Sterben zuhause für sie persönlich wie für viele andere Menschen eine sehr einsame Angelegenheit darstellen wird, weil gar keine Angehörigen und Freunde anwesend sein werden – der demografische Wandel wirkt sich auch auf das Sterben aus.

Kurzum: Die Haltung vieler, wenn nicht sogar der meisten Menschen zumindest in Deutschland zu Tod und Sterben ist nicht geprägt durch Wissen, vernünftige Überlegung und kritische (Selbst-)Reflektion, sondern durch Emotionen, Vorurteile und falsche Erwartungen. Eine rationale Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit im Sinne einer ars moriendi könnte hierbei Abhilfe schaffen. Dafür benötigt es einen Anstoß.

In einer eigenen aktuell durchgeführten empirischen (Online-)Studie (https://www.sterbestudie.de) werden Informationen zur Beschäftigung der Menschen mit der „Eigenen Endlichkeit und Sterben“ erhoben. Die Initiatoren dieser Studie möchten erfahren, ob und welche bedeutsam zu bewertenden biografischen menschlichen Erfahrungen es gibt, die Menschen dazu anregen, sich mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Die Teilnahmemöglichkeit besteht bis Ende September 2020.

Die Initiatoren erhoffen sich von der Studie zwei wesentliche Wirkungen: Erstens soll die Teilnahme Anstoß zur individuellen rationalen Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und den sich hieraus ergebenden Konsequenzen geben. Zweitens soll die Auswertung der Ergebnisse einen Beitrag dazu leisten, mehr Wissen über die Art zu liefern, wie Menschen über den Tod, das Sterben und die eigene Endlichkeit denken. Nur auf Basis solcher Erkenntnisse lässt sich eine moderne, rationale und für jede Lebensphase angemessene ars moriendi verwirklichen.

Endnoten

[i] Popper, Karl R. (1963): Conjectures and refutations. The growth of scientific knowledge. London: Routledge and Kegan Paul.

[ii] Siehe bspw. Buchheim, Thomas (1994): Die Vorsokratiker: Ein philosophisches Porträt. München: C.H. Beck.

[iii] Sehr instruktiv ist hierzu Minois, Georges (2002): Die Geschichte der Prophezeiungen. Düsseldorf: Albatros.

[iv] George, Wolfgang et al (2017): Laudato-si Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus Gießen: Psychosozialverlag

[v] Siehe https://www.interactioncouncil.org/publications/universal-declaration-human-responsibilities, zuletzt besucht am 28.08.2020.

Prof. Dr. Wolfgang Michael George
Prof. Dr. Wolfgang Michael George
Wolfgang George ist Diplom-Psychologe, Krankenpfleger und seit 2008 Honorarprofessor für Management und Kommunikation an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Zudem ist er Wissenschaftlicher Leiter des Projektbereichs für Versorgungsforschung und Beratung der TransMIT GmbH in Gießen sowie Leiter des Medizinischen Seminars George. Wolfgang George hat zahlreiche Fachartikel, Buchbeiträge und Bücher verfasst, u. a. „Sterben im Krankenhaus“ sowie „Sterben in stationären Pflegeeinrichtungen“, aber auch zu Papst Franziskus Enzyklika „Laudato si'“.
Prof. Dr. Karsten Weber
Prof. Dr. Karsten Weber
Karsten Weber ist Ko-Leiter des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST), Direktor des Regensburg Center of Health Sciences and Technology sowie Leiter des Labors für Technikfolgenabschätzung und Angewandte Ethik (LaTE) an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Zudem ist er Honorarprofessor für Kultur und Technik an der BTU Cottbus-Senftenberg und Gastprofessor an der Technischen Universität Rzeszów, Polen. Karsten Weber ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. in der Wissensdomäne Tier – Mensch – Maschine des Forschungsnetzwerks Wissen und Sprache, der Society for Philosophy and Technology (SPT) und der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI).

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