Zwei Seiten einer Medaille: Das Lob der Laien und der Tadel für die Profis

Zwei Seiten einer Medaille: Das Lob der Laien und der Tadel für die Profis2018-12-03T15:56:23+00:00

Project Description

Buchvorstellung und Diskussionsrunde

15. November 2018 in der VDW Geschäftsstelle

Verantwortung in der Wissenschaft ist das zentrale Anliegen der VDW. Sie ist auch das zentrale Thema im neuen Buch des Bielefelder Wissenschaftsforschers Prof. Dr. Peter Finke mit dem Titel „Lob der Laien. Eine Ermunterung zum Selberforschen.“

Wissenschaft ist ein Begriff, der allgemein Respekt und Anerkennung hervorruft. Doch ist Wissenschaft auch heute noch die Hoffnungsträgerin, die sie einmal war? Muss man ihr nicht in mancher Hinsicht einen Wirklichkeitsverlust vorwerfen? Und sind Amateure nicht heute die einzigen noch freien WissenschaftlerInnen?

Der in vielerlei Hinsicht schlechte Zustand unserer Erde belegt nach Auffassung von Peter Finke, dass die bisherige Wissenschaftskultur sich massiv ändern muss. Der Autor geht davon aus, dass es in der Wissenschaft viele gute Laien und Amateure gibt. Er schreibt ihnen sogar eine Vorbildrolle zu und plädiert dafür, dass verantwortungsvolle und nachhaltige Wissenschaft eine erneuerte Berufs- und eine besser wahrgenommene Amateurforschung braucht.

Peter Finke diskutierte über die erforderlichen Transformationen in der Wissenschaft und Wissenschaftspolitik zusammen mit drei ausgewiesenen ExpertInnen.

Wolfgang Chr. Goede, internationaler Wissenschaftsjournalist, stellt die Münchner Angst-Selbsthilfe als ein gutes selbstorganisiertes Beispiel praktischer und wirksamer Laienwissenschaft vor.
Dr. Hermann H. Dieter, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache e.V. (ADAWIS), problematisiert die fortschreitende Anglophonisierung der Wissenschaft und gibt Impulse für die Wertschätzung der Sprachenvielfalt in der akademischen Wissenschaft.
Dr. Steffi Ober, Leiterin der zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende, diskutiert die Notwendigkeit einer solchen Wende auf der akademischen Ebene und stellt die gegenwärtige Politik dazu vor.

Eröffnung und Moderation: Prof. Dr. Hartmut Graßl, Vorstandsvorsitzender der VDW

Veranstalter:

Plakat

Veranstaltungsbericht

Ein Bericht von Prof. Dr. Peter Finke

Die Disziplin der seriösen Wissenschaftskritik hat es heute schwer. In Zeiten von Trump, Rechtspopulismus oder Kreationismus schließen sich eher die Reihen zu einem „March for Science“, als dass die Interessen der Zivilgesellschaft auch für die Wissenschaft angemahnt würden. Ich halte in meinem neuen Buch „Lob der Laien“ dagegen und erinnere rund 400 Jahre nach dem Erscheinen  von Francis Bacons „Neuem Organum“ daran, dass auch die Wissenschaft als kulturelles Phänomen dem Wandel unterliegt. Diesmal aber nicht, um die Ideen der Aufklärung dem Zeitgeist preiszugeben, sondern um sie vor ihm zu retten. Ich teile Gernot Böhmes Auffassung, dass wir am Ende des Baconschen Zeitalters der Wissenschaft stehen.

Unter diesen Aspekten fand die Diskussionsveranstaltung statt. Die Mitverantwortung der Wissenschaft für den Zustand der Erde verlangt, alle Kräfte zur Verteidigung ihrer seriösen Idee zu bündeln und nicht die Augen vor den vielfachen Gefährdungen durch ihre aktuelle Zeitgeistkultur zu verschließen. Die Rolle dreier Akteure ist bei letzterem besonders hervorzuheben: die Politik, die Verwaltung und die Wirtschaft. Deren Machtinteressen tendieren dazu, die Wahrheitsinteressen der Wissenschaft zu überlagern. Dies kann besonders deutlich werden, wenn man sich klarmacht, dass die professionelle Wissenschaft nur der institutionell betriebene und durch massive externe Finanzmittel geförderte Teil der ganzen Wissenschaft ist. Der andere Teil, die eher bescheiden daherkommende ehrenamtliche Laienforschung, ist auch heute noch ein Gegenbild. Das zeigt, welche Diskrepanz zwischen Wissenschaft und ihrer aktuellen Kultur bereits besteht.

Zur Unterstützung hatte ich drei Kollegen gebeten, dies für jeweils einen der drei Teile meines Buches zu illustrieren: für den ersten, in dem es um eine neue Wertschätzung für den Laien geht, den international tätigen Münchner Wissenschaftsjournalisten Wolfgang C. Goede; für den zweiten, der die oben genannte Gefährdung des Profilagers behandelt, den Kämpfer für die Zulassung einer Sprachenvielfalt in der Wissenschaft, den Toxikologen Hermann H. Dieter; und für den dritten, zu den Interessen der Zivilgesellschaft, die Leiterin der zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende in der VDW, Steffi Ober.

Goede hat als Muster einer wichtigen von Laien angestoßenen Initiative die Münchner Angst-Selbsthilfe vorgestellt. Dies ist insofern ein Paradebeispiel, weil hier aus dem lokal besonders stark empfundenen Druck eines aktuell um sich greifenden, praktischen sozialen Problems heraus ein Wissenstransfer zwischen Betroffenen und Fachleuten organisiert wird. Der Wissenstransfer ist hilfreich, da die Lösung nicht ausschließlich in professionellen Disziplinen gesucht wird. Es zeigt exemplarisch, was echte Bürgerwissenschaft vermag, wenn sie aus der Zivilgesellschaft hervorgeht und nicht zu einem Anhängsel der Baconschen Wissenschaftskultur verkleinert wird (was leider meistens der Fall ist). – Nach Goede sprach Dieter als zweiter Vorsitzender des „Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache“ e. V. Er hielt ein Plädoyer für die Bedeutung der Sprachenvielfalt in der Wissenschaft und gegen die um sich greifende Anglophonisierung, die nicht die Laien, wohl aber große Teile des Profilagers erfasst hat. Dies geht so weit, dass inzwischen nicht nur die Sprache der Forschung, sondern auch immer mehr Teile der universitären Lehre ein „English only“ praktizieren. Es kommt zu einer ständig wachsenden Kluft zwischen den professionellen Spezialisten und der sie tragenden jeweiligen Zivilgesellschaft. Ich habe dies im Buch als einen noch zu wenig beachteten Teil des aktiven und passiven Wirklichkeitsverlustes unserer gegenwärtig herrschenden Wissenschaftskultur bezeichnet. Es sind solche Fehlentwicklungen, die den Eindruck vom Ende ihres Baconschen Zeitalters verstärken. – Schließlich fasste Ober den Stand zusammen, den die zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende bisher erreicht hat. (Ich habe dabei den Wunsch geäußert, dass sie m.E. durch eine zivilgesellschaftliche Plattform Bildungswende ergänzt werden sollte). Dabei wurde sehr deutlich, welch großen Vorsprung diejenigen Kräfte bei der Mitgestaltung der Forschungspolitik haben, die diese bisher fast unbestritten nahezu allein bestimmt haben. Jetzt sind sie dafür mitverantwortlich, dass das heutige Hinzukommen der Ansprüche der Zivilgesellschaft auf viele etablierte Gegeninteressen stößt, wenn dieser Alleingang nun infrage gestellt wird.

Die Abschlussdiskussion hat der Vorstandsvorsitzende der VDW, Hartmut Graßl, geleitet. Er hat mein Buch faktisch zweimal gelesen, das erste Mal noch mit Vorbehalten bei einigen Punkten, das zweite Mal eher grundsätzlich zustimmend. Es wurde von niemandem bestritten, wie wichtig eine frühzeitige Anhörung zivilgesellschaftlicher Positionen und Laieninteressen für eine nicht einseitig von Politik, Wirtschaft und Verwaltung dominierte Wissenschaft ist. Es wurde auch erkennbar, was Obers zivilgesellschaftliche Plattform bereits erreicht, was sie aber auch noch nicht erreicht hat: Sie hat es geschafft, dass mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln schon jetzt der grundsätzliche Anspruch der Zivilgesellschaft auf Mitgestaltung der Wissenschaftspolitik verdeutlicht worden ist. Doch ist der erreichte Einfluss noch keineswegs ausreichend und gegenüber den wohlorganisierten Lobbys der verschiedenen partikulären Interessen immer noch viel zu gering. Eine Diskussion ging dabei um die Frage, ob daher entsprechend der Gegenseite mehr Strukturen aufgebaut werden müssen oder nicht; die überwiegende Meinung ging eher zu Letzterem.

Mehrere Sprecher aus der Zuhörerschaft erwähnten Beispiele, die den Zustand der jetzigen Wissenschaftskultur verdeutlichten: So erwähnte z.B. Heiner Benking das Debakel der gegenwärtigen Citizen Science-Politik (ganz aktuell exemplifiziert durch das soeben erschienene, rein englischsprachig und international angelegte 500-Seiten-Buch, in dem ausschließlich Berufswissenschaftler zu Wort kommen und die „Bürger“ zu Partizipatoren an ihren eigenen Interessen reduzieren). Harald Jochums beispielsweise stellte eine Duisburger lokale Initiative vor, die in einem von Migranten unterschiedlicher Herkunft und Sprache geprägten Problemstadtteil versucht, Nachbarschaftsgespräche in Gang zu bringen. Eine weitere Teilnehmerin nannte die faktisch steuernde Rolle von Machtkartellen verschiedener Art, die weit mehr Einfluss haben als es wünschenswert wäre. Am Schluss sprach sich der Vorstandsvorsitzende der VDW, Hartmut Graßl, unmissverständlich dafür aus, dass die Stimme der verantwortungsbewussten Laien weiter gestärkt werden muss, wenn die Veränderungskräfte am Ende des Baconschen Zeitalters für eine Neubelebung  der Ideen der Aufklärung wirksam werden sollen.

Fotos: Juana Wahlheim

Bildnachweis: © oekom Verlag

Buchrezension und Interview: