*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.
Zur Beschäftigung der VDW mit Einsamkeit, Spaltung und Vereinzelung der Gesellschaft
Zusammenfassung: Einsamkeit und Spaltung sowie Vereinzelung der Gesellschaft werden oft in einem Atemzug genannt, als liefen sie auf das Gleiche hinaus. Ämter und Ministerien gegen Einsamkeit und für gesellschaftlichen Zusammenhalt wurden gegründet. Aber die Spaltung und Vereinzelung der Gesellschaft in Zirkel, Meinungsmilieus, private Gemeinschaften, heute oft Blasen genannt, sind tatsächlich eine Bewältigungsstrategie von Einsamkeit – wenn auch eine leicht zu missbrauchende Bewältigungsstrategie mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen. Das soll im kurzen Essay plausibel gemacht werden. Daraus ergibt sich eine Verantwortung der Wissenschaft an Hochschulen. Diese Verantwortung ist weder trivial noch zumutungsfrei.
Der Mensch ist ein Wesen, das mit sich selbst spricht
‚Einsam‘ und ‚allein‘ sein sind nicht dasselbe. Im Gegenteil. Sie haben wenig miteinander zu tun: Man fühlt sich nie so einsam wie auf der falschen Party mit vielen falschen Freunden.
Warum ist das so? Der Mensch ist ein Wesen, das mit sich selbst spricht. Dieses Selbstgespräch entscheidet über unsere Reaktion auf Reize. Die manchmal schwer lesbaren Ausführungen des genialen, aber zu Lebzeiten missachteten Natur- und Geisteswissenschaftlers Charles S. Pierce haben wir in dem Reim zusammengefasst: „Zwischen Reiz und Reaktion/steht die Interpretation.“ Schon ganz kleine Kinder – unseres Wissens alle kleinen Kinder – imaginieren sich eine Freundin, z.B. namens Mali. Mali versteht sie und hält zu ihnen, auch wenn die Eltern und andere Menschen noch so blöd sind. Oft ist Mali für Erwachsene unsichtbar. Nicht selten ist Mali aber auch ein Plüschtier oder ein Kissen oder ein Lappen, mit dem Kinder immer herumziehen und mit ihm ins Bett gehen. Ohne sich mit Mali auszutauschen und sie im Arm zu halten, können sie oft nicht einschlafen. Winnicott hat diese Plüschtiere als Übergangsobjekte analysiert, die mit zunehmender Reife überflüssig werden. Aber auch für viele Erwachsene gilt bis ins höchste Alter: Kein lebender Mensch versteht sie so gut wie ihr Teddy. Auch geliebte Verstorbene oder unerreichbar Vermisste werden zu Gesprächspartnern, mit denen man über alles reden kann und die im Idealfall immer zu einem halten und einen beraten. Wenn sie auch zu Lebzeiten manchmal etwas sagten, das einen kränkte und verletzte, so hört das nach deren Tod oft völlig auf. Sie verstehen einen besser als je in ihrem Leben.
Liest man Platon und Aristoteles, wird eins klar. Sie setzen mit jeder Zeile voraus: Der Mensch ist ein Wesen, das mit sich selbst spricht. Davon gingen und gehen auch alle Kirchen und Priesterschaften aus und versuchen das Selbstgespräch zu beeinflussen durch Innere Mission, die die Stimme des Gewissens aufbauen und prägen soll, (oft vergeblich, siehe Kittsteiner 1992). Selbst der von den Pietisten in den Franckeschen Waisenhäusern den Jugendlichen aufgegebene und kontrollierte Dialog mit ihrem ‚Lieben Tagebuch‘ reichte für pädagogische Zwecke nicht hin. Aber auch Kant, der ohne magische kirchliche Rituale auskommt, ist gar nicht zu begreifen ohne seine grundlegende Annahme: Der Mensch ist ein Wesen, das mit sich selbst spricht. Sonst könnten wir das moralische Gesetz in uns gar nicht hören und mit ihm interpretierend verhandeln.
Aber offenbar reicht das Selbstgespräch mit ‚Mali‘ nicht immer. Wir können oft, aber nicht immer einfach die falsche Party verlassen und zu Hause im Selbstgespräch uns selbst hinreichend beglückend Gesellschaft leisten. Die Kränkungen und die Einsamkeit auf der falschen Party hallen oft in uns nach. Wir verlassen die falsche Party, aber das Gefühl der Einsamkeit bleibt. Wie kann das sein? Der Mensch ist offenbar ein Wesen, das anderen helfen und dafür anerkannt sein will. (Die Annahme von Hilfe fällt Menschen dagegen schwerer.) Als Gesprächspartner reichen wir uns daher selbst nicht ganz.
Daher die SOEP-Definition von chronischer Einsamkeit und ihre Verbreitung in Deutschland
Wegen der ausgeführten Eigenschaft von ‚Einsamkeitsgefühlen‘ haben wir in den mehr als 44 Jahren, in denen das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) erst am DFG-Sonderforschungsbereich 3 in Frankfurt und Mannheim, dann am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin jährlich weitestgehend repräsentativ für die in Deutschland wohnenden Haushalte erhoben wird und dadurch Verläufe abbilden kann, nie ‚Einsamkeit‘ mit den Indikatoren erfasst, die in Politik, Ministerien und Journalistik für die Erfassung von ‚Einsamkeit‘ immer gerne herangezogen werden: Anteil der allein im eigenen Haushalt lebenden Personen; Anteil der Kinderlosen und Geschiedenen; Anteil der Personen, die den ganzen Tag vorm Bildschirm hocken (bei Arbeit oder Freizeit, beim Einkaufen oder bei gymnastischen Übungen) und das Haus nur alle paar Tage kurz zum Joggen verlassen; Anteil der Personen, die angeben, selten oder nie mit Freunden etwas zu unternehmen; Anteil der Personen, die keine Freunde haben, nur Nachbarn. Alle diese Indikatoren erfassen ‚Einsamkeit‘ nicht direkt in ihrem alltäglich gefühlten Wesen. Man könnte sich lediglich fragen, ob sie mit ‚Einsamkeit‘ korrelieren. (In den Siebziger Jahren kritisierten wir am Zentrum für Social Support der University of Michigan in Ann Arbor zahlreiche Kolleg:innen, die ‚Social Support‘ an der Zahl der Personen messen wollten, mit denen man regelmäßig vor allem in der Familie Umgang hat. Unser eigentlich trivialer Einwand war: Man kann sich gerade in der Familie, mit seinem Ehepartner, seinen Verwandten, seinen Kindern sehr einsam fühlen und die enge Beziehung als wenig sozial unterstützend (‚supportiv‘) empfinden. Es zählt nicht die Zahl der Beziehungen, sondern ihre wahrgenommene Qualität, Behrens 1983). Daher erhebt das SOEP das Gefühl chronischer ‚Einsamkeit‘ mit der UCLA-Skala (Hughes et al. 2004) aus drei Fragen: „1. Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Gesellschaft anderer fehlt?“ „2. Wie oft haben Sie das Gefühl, außen vor zu sein?“ (also das Gefühl der Exklusion und Isolation, das man – siehe oben – gerade unter Anwesenden auf der falschen Party haben kann). „3. Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Sie sozial isoliert sind?“. Die Befragten in Deutschland antworten mit der 5-stufigen Lickert-Skala von „nie“ bis „sehr oft“. Für jede Person wird der Mittelwert über alle drei Antworten gebildet. Wer einen Mittelwert größer als 3 auf der Einsamkeitsskala erzielte, gilt als chronisch ‚einsam‘, weil er angab, sich häufiger als nur manchmal einsam zu fühlen. Das waren 2013 und 2017 8 Prozent aller in Deutschland wohnenden Personen. 2021 während der Covid-19-Pandemie waren es 11,5 Prozent und danach wieder weniger (Entringer, Buchinger und Gebhardt 2024, S. 289). Da die Antwort auf der Einsamkeitsskala hoch mit Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes, Depression, Angststörungen und geringerer Lebenserwartung korreliert – wobei die Richtung der kausalen Interpretation dieser Korrelation meiner Ansicht nach noch nicht ganz festliegt -, ist es verständlich, dass Spanien, Großbritannien, die Niederlande und seit 2023 auch die deutsche Bundesregierung eine ‚Strategie‘ gegen Einsamkeit beschlossen haben und das Thema populär wurde.
Bemerkenswert sind allerdings die Ergebnisse für Subgruppen, weil sie gemeinhin geteilte Thesen als völlig falsch erweisen. So ist die Erwartung deutlich widerlegt worden, Ältere über 75 litten, auch wenn sie nicht in stationären Pflegeeinrichtungen lebten, besonders häufig unter chronischer Einsamkeit. Im Gegenteil: Unter allen Altersgruppen ab 18 Jahren ist der Anteil ‚chronisch Einsamer‘ in der Gruppe 75 + und auch schon in der Gruppe der 61 bis 75 Jahre Alten (wobei die in stationären Pflegeeinrichtungen Wohnenden nicht gut erfasst wurden) deutlich am geringsten. 2021 war dagegen der Anteil in den Gruppen der 18 – 30-Jährigen und der 41 – 60-Jährigen am höchsten. Auch die verbreitete Erwartung, Personen ohne Kinder seien häufiger einsam als Personen mit Kindern, wurde widerlegt. Das Gegenteil ist auch hier der Fall. Kinderlose sind seltener chronisch einsam als Personen mit mindestens einem Kind. Das ist überraschend. Denn es ist keine symbiotischere Beziehung bekannt, in der Menschen für Hilfen dankbarer sind und ihre Unterstützer:innen abgöttischer lieben, als die Beziehung kleiner Kinder zu ihren Eltern. Für das überraschende Ergebnis, dass Kinderlose weniger einsam sind als Personen mit einem oder mehr Kindern, gibt es zwei Erklärungshypothesen. Die erste bezieht sich auf das berufliche Umfeld der Eltern. Eltern berichten, wegen ihrer Elternschaft seien ihnen bei Beförderungen und besonders anerkennungsträchtigen Aufgaben Kinderlose vorgezogen worden – mit der Begründung, man nähme Rücksicht auf ihre zeitraubenden Elternpflichten. Eine solche Begründung macht einsam im Beruf. Die Liebe ihrer Kinder gleicht diese Einsamkeit im Beruf offenbar nicht ganz aus. Die zweite Hypothese bezieht sich direkt auf das Zusammenleben mit Kindern. Eltern müssen Kinder so oft in ihren Wünschen enttäuschen, dass sich die Liebe ihrer Kinder oft mit deren großer Wut über die Enttäuschung verbindet. Es ist dann schwer für Eltern, sich anerkannt und nicht von ihren Kindern ungeliebt und einsam zu fühlen. Beide Hypothesen sind mit der These gut vereinbar, Einsamkeit sei das Gefühl, auf der falschen Party zu sein – und dieses Gefühl auch durch Alleinsein nicht bewältigen zu können.
Nicht überraschend ist, dass der Anteil chronisch Einsamer in dem Drittel der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen (mit 13% -14 %) doppelt und über dreimal so hoch ist wie in dem Drittel mit dem höchsten (4 %) und in dem Drittel mit dem mittleren Einkommen (6,2 %). Am größten waren die Unterschiede 2013 und 2017. 2021 verdoppelten sich die Anteile chronisch Einsamer auch bei den Dritteln mit mittlerem und höchstem Einkommen. Dennoch sind auch 2021 mehr als doppelt so viele im Drittel mit niedrigen Einkommen chronisch einsam (16,3 %) wie die im Drittel mit den höchsten Einkommen (7,2%). Zu erwarten sind diese großen Unterschiede aus zwei Gründen. Der Zugang zur Gesellschaft, der einem fehlt, ist häufig mit Ausgaben verbunden. Wenn man ihn sich nicht leisten kann, fühlt man sich häufiger isoliert und außen vor. Zweitens wird in unserer Gesellschaft, die sich als ‚Leistungsgesellschaft‘ sieht, Einkommen oft als Anerkennung eigener Leistung missverstanden. Das kann ein Geringverdiener schwer ausblenden. Auch dass Personen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger und über die Jahre zunehmend chronisch einsam sind, kann nicht überraschen. Selbstverständlich ist bei allen Interpretationen zu berücksichtigen, dass Einsamkeit in manchen Milieus und ‚Blasen‘ durchaus stigmatisiert ist. So erklärt sich womöglich, dass Männer seltener als Frauen chronische Einsamkeit zugeben, obwohl sie sich dreimal so häufig wie Frauen selbst töten. Denn alle Leiden, auch Depressionen, geben Männer seltener an als Frauen.
‚Blasen‘ als Bewältigungs- Strategien gegen Einsamkeit – mit Risiken und Nebenwirkungen
Mit dem Stichwort „Blase“ kommen wir zu zwei öffentlich verbreiteten Gesellschaftsdiagnosen, die oft mit Einsamkeit in einem Atemzug genannt werden: Vereinzelung in der Gesellschaft und Spaltung der Gesellschaft. Aber: Spaltung der Gesellschaft kann im Gegenteil geradezu als Bewältigungsstrategie von Einsamkeit gesehen werden – wenn auch als eine Bewältigungsstrategie, die schlimme Folgen hat. Das kann eine empirische Fallstudie veranschaulichen und belegen.
Bekanntlich haben die Anwalts- und Ärztekammern in vielen Ländern, auch in Deutschland, Privilegien, weil sie das – ihren Professionen angemessene – Verhalten kontrollieren und Fehlverhalten früher und besser sanktionieren könnten als die Strafjustiz. Die Sanktion der Kammer ist der Ausschluss aus der Kammer. Die Kammern drohen also buchstäblich mit ‚chronischer Einsamkeit‘: Ein aus der Gesellschaft der Anwälte ausgeschlossener Anwalt soll „außen vor“ und unter Anwälten „sozial isoliert“ sein, um die Begriffe der Einsamkeitsskala zu zitieren. Er kann vor Gericht nicht mehr als Anwalt auftreten. In den Städten der Antike galt die Verbannung, also der Ausschluss aus der Stadt, als schlimmer als der Tod. Der Ausschluss aus der Kammer kommt zwar selten vor. Friedrich Karl Fromme, ein früherer Herausgeber der FAZ, schrieb einmal kritisch: Eher lande ein Anwalt oder ein Arzt im Gefängnis, als dass seine Kammer ihn ausschlösse. Aber solche Ausschlüsse kommen vor. Der Verfasser dieses Beitrages nahm die Gelegenheit war, eine ethnologische Studie in einer südwestdeutschen Großstadt durchzuführen mit der Forschungsfrage, wie aus ihrer Kammer ausgeschlossene Anwälte auf ihren Ausschluss reagieren. Das Ergebnis ist schnell zusammengefasst. Die Exklusion führte zu Inklusion. Die Exklusion aus ihrer Kammer führte zur Inklusion in einen Kreis sich wechselseitig anerkennender ausgeschlossener Anwälte. Sie trafen sich regelmäßig in einem Restaurant. Dort versicherten sie sich gegenseitig, wie unangemessen, wie höchst blamabel für den Vorstand der Kammer ihr völlig unverhältnismäßiger Ausschluss aus der Kammer gewesen sei. Diese wechselseitige Anerkennung in einem Zirkel (‚Blase‘) ausgeschlossener Anwälte kompensierte alle chronische Einsamkeit, mit der die Kammer gedroht hatte. Bald vermittelte der inklusive Kreis ausgeschlossener Anwälte auch gut bezahlte Jobs in Anwaltskanzleien. Dort verfassten sie Schriftsätze. Diese konnten sie zwar nicht selbst vor Gericht vortragen. Das konnten nur zugelassene Anwälte. Aber sie waren die anerkannten Autoren der Schriftsätze. Ich möchte verallgemeinern: Zirkel- und Blasen-Bildung ist die verbreitetste Reaktion auf Ausschluss. Blasen-Bildung bewältigt oft die Gefahr chronischer Einsamkeit. Blasen-Bildung wird durch das Internet extrem erleichtert. Aber die Blasen sind keineswegs allein verursacht durch die Filterblasen, in denen Techgiganten in ihren sozialen Medien jeder Person auf sie zugeschnittene gefilterte Informationen zuteilen. Die Zeit ist zwar vorbei, in der sich die Einwohner Deutschlands nahezu geschlossen vor Tagesschau und Tagesthemen versammelten und viele die Sprecherin oder den Sprecher wenn nicht für die Kanzler:in persönlich, so doch für die Regierungsprecher:in hielten, die ihnen die Ereignisse der Welt einordnete und sagte, wo es lang ging. Heute kann sich jeder im Internet seine Blase suchen, die ihm die Ereignisse der Welt einordnet und sagt, wo es lang geht. Diese Möglichkeit nutzen kapitalistische Tech-Konzerne extrem aus. Sie investieren viel in die Spaltung ihrer Kundschaft in leichter ansprechbare Marksegmente und Blasen. Ein Vater bekommt andere Botschaften auf seinen Bildschirm als seine eigenen Kinder und Enkel. Aber kapitalistische Tech-Konzerne sind nicht die erste Ursache von Blasenbildung. Blasenbildung zur Bewältigung der Einsamkeit ist viel älter. Die kapitalistischen und staatskapitalistischen Tech-Konzerne nutzen die Bewältigungsstrategie von Einsamkeit durch Blasenbildung nur aus und verstärken sie dadurch. Sie konstituieren virtuelle Gemeinschaften. Teenager fragen sich gegenseitig zu recht: Ist das Dein Freund oder Dein Facebook-Freund – wie man sich in der Politik immer fragte: Ist das Dein Freund oder Dein Partei-Freund?
Aber es gibt eine Institution, deren Verantwortung es ist, Blasen aufplatzen zu lassen.
Einsamkeit und Freiheit. Die Verantwortung der Wissenschaft
Die Wissenschaft und ihre Universität sind kein Zirkel, kein Meinungsmilieu und keine Blase, sondern idealerweise eine Zumutung. In der Wissenschaft ist institutionalisiert: zu jedem Stand der Wissenschaft gibt es Argumente, die den Stand der Wissenschaft in Frage stellen. Die Leute werden geradezu dafür bezahlt, den Stand der Wissenschaft in Frage zu stellen. Meinungen, Glaubensüberzeugungen, Bekenntnisse sollen wenig zählen. Es gilt die prüfbare Evidenz des Arguments. Sie ergibt sich bestenfalls allmählich aus beständiger gut belegter Rede und Gegenrede. Das ist ein schwer auszuhaltendes Biotop. Der Verfasser dieses Beitrags gibt seit 50 Jahren Seminare in verschiedenen Ländern. Überall sind nicht wenige Studierende traumatisiert durch Krieg, durch Verfolgung, durch Diskriminierung. Für sie ist es nachvollziehbar eine Zumutung, die Argumente ihrer Unterdrücker ohne Zorn und Eifer auf Evidenz prüfen zu sollen. Sie haben viel eher das Bedürfnis nach einem geschützten, homogenen Raum gleicher Überzeugungen, gleicher Bekenntnisse und gleicher Parteinahme. Genau einen solchen Raum kann eine Hochschule nicht bieten oder sollte es zumindest nicht.
Aus diesem Dilemma entgegengesetzter Erwartungen entwickelten Professorinnen und Professoren unterschiedliche Strategien.
Die einen verstehen Wilhelm v. Humboldts Wort von „Einsamkeit und Freiheit“ in der Wissenschaft so: Wissenschaftler halten sich an ihr Fach und ansonsten raus. Mit ganz wenigen Studierenden arbeiten sie gemeinsam und gleichberechtigt an höchst speziellen Fragen der Forschung. Hierarchische Unterschiede zwischen Professoren und Studierenden sehen sie nicht: Sie akzeptieren Studierende auf gleicher Augenhöhe als Forschende am selben Gegenstand. Wenn Studierende sich nicht für denselben Forschungsgegenstand interessieren, hält sich die Professorin oder der Professor nicht für diese Studierenden für zuständig. Sie laden ihre am gleichen Gegenstand forschenden Studierenden zu sich nach Hause ein, unternehmen Wanderungen mit ihnen, sprechen bei Konflikten der Studierenden mit deren Eltern gern mit ihren Eltern, beantragen Stipendien für sie und stiften gern Ehen zwischen ihnen. So verstehen sie die an Universitäten immer noch üblichen matriarchalischen und patriarchalischen Ausdrücke ‚Doktormutter‘ und ‚Doktorvater‘. Die große Vorlesung mit Hunderten von Studierenden halten sie ordentlich und werben auch für ihr Fach. Aber die Einzelbetreuung dieser Hunderte von Studierenden halten sie nicht für ihre Kernaufgabe. Für ihre Kernaufgabe halten sie die gemeinsame Forschung mit den wenigen Studierenden, mit denen sie das Interesse an derselben höchst speziellen Forschungsfrage teilen. Rüdiger Fikentscher hat aus den Tagebüchern des mit ihm verwandten „Gelehrtenpaars in zwei Diktaturen Wilhelm Schubart, Papyrologe, und Gertrud Schubert-Fikentscher, Rechtshistorikerin“ ein Buch geschrieben mit dem wundervollen Titel „ Liebe Arbeit Einsamkeit“ (Fikentscher 2013). Besser kann man es gar nicht sagen.
Aber passt diese Strategie wirklich zu einer Zeit, in der fast die Hälfte eines Jahrgangs die Hochschulzugangs-Berechtigung erwirbt? Die Gründe für ein Studium haben sich seit der Gründung meiner Universität, der Universität Halle-Wittenberg, enorm gewandelt. Damals gab es viele Gründe, an dieser, einer der größten Universitäten Europas, zu studieren. Ein Examen zu machen, gehörte nicht unbedingt zu den Gründen. Es gab ganz wenige Berufe, in denen ein Examen der Uni Wittenberg gefragt war. Viel wichtiger war es, dass Studierende der Universität nicht von Werbern des Militärs eingeworben werden durften und dass die oft lärmenden Studierenden nicht der lokalen Gerichtsbarkeit, sondern der universitären unterstanden. Vor allem aber bot Wittenberg den Spätadoleszenten die Möglichkeit, frei zu diskutieren, ob sie nach ihrem Tod die Hölle zu erwarten hätten oder nicht. Shakespeare hat Hamlet in Wittenberg studieren lassen. Ein Examen wollte Hamlet nicht machen. Hamlet erfuhr in Wittenberg, dass die Toten, also auch sein Vater, nicht sicher bis zum jüngsten Tag in Vorhölle oder Hölle verwahrt waren. Sein Vater konnte also jederzeit erscheinen. In Dänemark denkt Hamlet, Shakespeare zufolge, sehnsüchtig an Wittenberg zurück. Allerdings richtet sich seine Sehnsucht nicht auf die Vorlesungen. Hamlet fragt sich, ob er nicht besser, anstatt sich mit seinem vermutlich mörderischen Onkel und seiner Mutter als dessen Geliebter abzugeben, bei seinen saufenden und debattierenden Mitstudierenden seine Eltern vergessen solle. (Viele Studierende suchen auch heutzutage etwas Abstand von der Familie zur Selbstfindung.) Heute sind dagegen die Examina einer der Hauptgründe, um zu studieren. Eine enorm große Zahl von halbwegs sicheren und halbwegs gut bezahlten Stellen hängt heutzutage, ganz anders als in Wittenberg, von bestandenen Examina ab. Aus aller Welt kommen traumatisierte Studierende auf der Suche nach ein paar Semestern in Frieden und Freiheit, die ihnen dann den Zugang zu guten Jobs und einem guten Leben verschaffen. Kaum einer dieser Studierenden will 33 Semester bis zur Habilitation über ein höchst spezielles Forschungsthema nahe am Existenzminimum und abhängig von Stipendien und Teilzeitstellen studieren, trotz aller herzlichen Aufnahme in die Familie seiner Professor:in.
Verantwortung der Wissenschaft verlangt daher zweierlei. Zum einen jeder und jedem einzelnen dieser oft traumatisierten Studierenden mit Respekt vor ihrem Bedürfnis zu begegnen, in einem geschützten Raum nicht in ihren Meinungen, Überzeugungen und Bekenntnissen gestört zu werden. Zum anderen aber auf der Grundlage dieses Respekts, dieser Zuwendung und dieses Verständnisses genau das zu schaffen: Einen Raum, in dem alle Perspektiven argumentativ in Frage gestellt werden können. Zugegeben ist es schwer und für Traumatisierte eine Zumutung, einen solchen Raum auszuhalten. Dieser Raum ist das Gegenteil einer Blase, in der beruhigend nur die eigene Perspektive herrscht. Aber wo, wenn nicht in den Hochschulen, sollte ein solcher Raum neben allen die Gesellschaft spaltenden Blasen geschaffen werden? Und wer, wenn nicht die ihre Verantwortung übernehmende Wissenschaft, sollte einen solchen Raum schaffen und sichern können? Sicher nicht ‚die Politik‘. Nicht nur der gegenwärtige US-Präsident wütet gegen einen solchen Raum. Auch ein deutsches zuständiges Ministerium erwog, Drittmängelempfängern mit vermutlich gesetzwidrigen Positionen Drittmittel zu streichen oder zu kürzen und damit die grundgesetzliche Freiheit der Wissenschaft für sie zu beschränken. Diesen anstrengenden Raum der Freiheit, solange er sich auf Argumente einlässt, zu schaffen und zu sichern ist die Verantwortung der Wissenschaft und ihrer Hochschulen. Niemand nimmt ihr diese Verantwortung ab. Für viele Studierende kann dieser sicher stressige Raum der erste Raum sein, indem sie ohne die die Gesellschaft spaltenden Zirkel, Meinungsmilieus und Blasen auskommen müssen. Einen solchen Raum zu finden, ist eine enorme Chance für die Bevölkerung, von der fast die Hälfte eine Studierfähigkeit durch ihre Schulen bescheinigt bekommt und die andere Hälfte „gasthörend“ Zugang hat.
Bisher kann man nicht sagen, universitäre Bildung schütze davor, an der Errichtung von – vom Verfassungsschutz als rechtsradikal eingestuften – Blasen zu arbeiten. Es sind Studienräte, Professor: innen und hochgebildete ehemalige führende Intellektuelle der westdeutschen CDU-Landesverbände, die den Holocaust historisch relativierten und den Rechtsradikalen in der AfD zum Durchbruch verhalfen. Umso größer ist die Verantwortung der Wissenschaft in ihren Hochschulen: Hochschulen sind einer der ganz wenigen Orte, in denen Mitglieder gegensätzlicher Meinungsmilieus und Blasen sich argumentierend zusammenfinden, Evidenz aufbauen und Blasen aufplatzen lassen können. Dafür muss in der Hochschule jedes Argument von jedem vorgebracht werden dürfen. Nur die Hochschulleitungen halten sich mit Stellungnahmen zurück -außer mit Stellungnahmen zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit.
21.04.2026, Johann Behrens
Quellen:
Behrens Johann 1983: „Bedürfnisse“ und „Zufriedenheiten“ als Statussysmbole und Anrechte. Lehren aus einem Panel für Bedürfnistheorie und Planung, in: Hondrich, K. O, Vollmer, R. (Hrsg.), Bedürfnisse. Stabilität und Wandel. Theorie, Zeitdiagnose, Forschungsergebnisse, Opladen: Westdeutscher, inzwischen Springer Nature, S. 193 – 244.
Entringer, Theresa M; Buchinger, Laura & Gebhardt, Isabel 2024: Einsamkeit, in: Sozialbericht 2024, Bonn: bpb (www.sozialbericht.de) S.288-293
Fikentscher, Rüdiger 2013: Liebe Arbeit Einsamkeit. Ein Gelehrtenpaar in zwei Diktaturen, Halle: Mitteldeutscher Verlag
Hughes, Mary Elizabeth et al. 2004: A Short Scale for Measuring Loneliness in Large Surveys, in: Res. Aging 26 (2004) 6, S. 655-672.
Kittsteiner, Heinz.D. 1992: Die Entstehung des modernen Gewissens, Darmstadt: wbg
