*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.

Die großen Gesundheitsprobleme, wie die vielen chronischen nicht-ansteckenden Erkrankungen (NCD), die sozio-kulturell und umweltbedingten Erkrankungen wie insgesamt eine Abnahme der Lebenserwartung in vielen Industrienationen seit 2014, brauchen zu ihrer Lösung ein neues Denken sowie auch neue wissenschaftliche Möglichkeiten. Hier soll eine Diskussion zur Bildung einer neuen Gesundheitswissenschaft angeregt werden.

Eine Gesundheitswissenschaft soll verantwortlich sein

  • für eine Metatheorie für gesunde Entwicklung als Orientierung für gesundheitsrelevante Berufe
  • für integrierende Kommunikation zwischen den bestehenden unterschiedlichen Gesundheitswissenschaften.

Schon in den 1990er Jahren gab es den Ruf nach und Ansätze zur Bildung einer Gesundheitswissenschaft, die primär der Frage nach Förderung von Gesundheit nachgeht im Unterschied zur herrschenden Medizin, die primär Krankheiten bekämpft. Diese Bemühungen sind allerdings in einer empiristisch verstandenen Public Health und Epidemiologie stecken geblieben. Dabei haben strukturelle und ökonomische Bedingungen eine Entwicklung von neuen Ansätzen und Methoden einer gesundheitsorientierten Wissenschaft behindert.

Die Corona-Krise hat diesen aktuellen Mangel einer, auch der Politik Orientierung gebenden, Gesundheitswissenschaft besonders deutlich werden lassen. Der einseitige Kampf gegen das Virus und die Pandemie – es war sogar die Rede von „Krieg“ – hat große Kollateralschäden angerichtet. Die Frage nach gesunder Entwicklung der Menschen hat in der fachlichen und öffentlichen Debatte meistens keine und wenn überhaupt, dann nur eine marginale Rolle gespielt.

Um brauchbare Antworten auf derart wichtige und komplexe Fragen des Umgangs z.B. mit einer Pandemie (oder treffender „Syndemie“*?) zu generieren, braucht es ein großes, interdisziplinäres Team, das eine gesundheitsorientierte Strategie für alle Menschen verfolgt. Eingebettet in eine solche Strategie, die der Komplexität und Dynamik gesunder Entwicklung gerecht wird, kann erst der Kampf gegen Bedrohungen, wie z.B. eine Pandemie, in Übereinstimmung mit den Mitmenschen geführt werden.

Die eine Gesundheitswissenschaft soll der salutogenetischen Fragestellung nach der komplexen Dynamik und den Bedingungen für gesunde Entwicklung nachgehen. Diese paradigmatische Fragestellung hat drei Aspekte:

  1. Sie ist primär zielorientiert und fokussiert die Entwicklung der Menschen in Richtung Gesundheit
  2. Dazu erkennt sie die Komplexität dieser Entwicklungsdynamiken an und entwickelt Methoden, um mit ihnen umzugehen (wie z.B. lösungsorientierte wie heuristische)
  3. Sie hat die systemische Mehrdimensionalität des menschlichen Lebens im Blick (Körper, soziale und kulturelle Beziehungen, Ökologie auch global)

Um zu guten und für uns Menschen angemessenen Lösungen zu kommen, kultivieren diese Gesundheitswissenschaftlerinnen ein integratives/inklusives Denken: sowohl ganzheitlich, kreativ und heuristisch als auch analytisch-kausal, sowohl gesundheitsorientiert (salutogenetisch) als auch krankheitsorientiert (pathogenetisch), sowohl materielle Bedingungen als auch informierenden Geist in Betracht nehmend.

*Horton, Richard: COVID-19 is not a pandemic. richard.horton@lancet.com  www.thelancet.com Vol 396 September 26, 2020; S. 874 (R. Horton ist Herausgeber (editor-in-chief) von Lancet)

Theodor Dierk Petzold
Theodor Dierk Petzold
Theodor Dierk Petzold ist Allgemeinarzt, Coach, Supervisor und Referent. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Medizinischen Hochschule Hannover, Träger eines European Certificate for Psychotherapy sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und anderer Fachveröffentlichungen. Nicht zuletzt ist er Entwickler und Ausbilder der Salutogenen Kommunikation SalKom® und des von den Krankenkassen certifizierten Stressmanagementtrainings TSF. Sein neuestes Buch aus 2021 ist „Schöpferisch kommunizieren – Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens“. Er arbeitet mit an einer Initiative für eine neue Gesundheitswissenschaft.

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