und auf die Verantwortung der Wissenschaft
*Der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsweise der Meinung der VDW.
„Die Bahn eines Elektrons entsteht erst dadurch, dass wir sie beobachten“ Heisenberg
Die Behauptung ist wohl nicht zu überspitzt formuliert, Denker in Griechenland hätten ab 500 v.u.Z. erstmals die Idee von „Naturgesetzen“ eingeführt, um ihre ständig rivalisierenden, Unglück auslösenden und ehebrecherischen Götter wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Es sollte Gesetze geben, die selbst Götter nicht außer Kraft setzen können. Der insbesondere in der Sophistik ausgearbeitete Gegensatz des auf Vereinbarung beruhenden (griechisch: „nomoi“) und deshalb Veränderbaren und des Unveränderbaren, weil nach eigenen Gesetzen sich Entwickelnden (griechisch ‚physis‘, lateinisch ‚natura‘), prägt die alltägliche Vorstellung von „objektiven“ Naturgesetzen und „objektiver“ Naturwissenschaft noch heute. Aristoteles hatte die Unterscheidung übernommen und weiter systematisiert (vgl. Mittelstraß 2004, Band II, S. 961; Behrens 2019).
Wie es selbst in den besten Familien vorkommt, gelingen die Kontrollbemühungen über die Götter nicht nur in Griechenland begrenzt. Die unsterblichen und sogar ehebrecherischen Götter, nicht nur Göttervater Zeus, verwandelten sich weiterhin in Schwäne oder sogar Regen, um bei sterblichen Frauen und Männern landen zu können. Auch die Erfindung der ‚Vernunft‘ (Logos; lateinisch Ratio), mit der erst Naturphilosophen (Naturwissenschaftler) und dann Historiker gegen Mythen vorgehen wollten, besiegte diese nicht. Denn Logos und Ratio können selbst in der besten Gesellschaft nicht vollständig die individuellen Wiederfährnisse von Geburt, Tod, Krankheit und Unglück so kontrollieren oder auch nur erklären, wie die Mythen das alltäglich zu können behaupten. Sein eigenes Leben ohne lähmende Angst vor diesen zufälligen und sinnlosen Wiederfährnissen zu schreiben (griechisch ‚bios graphein‘), ist zugegeben schwer, ohne auf Mythen zurückzugreifen, die die sinnlosen Zufälle als Vorsehung beschreiben und ihnen einen individuellen Sinn zu geben versprechen. Aber wenn Logos und Ratio die Mythen auch nie ganz ersetzen können, sondern eher beständig mit dem und ‚am Mythos arbeiten‘ (Blumenberg 1979) – die Idee der Naturgesetze und der Naturwissenschaften war geboren als Vehikel zur Autonomie gegen die Götter.
Schon vor den Griechen waren in Babylon und Ägypten eine große Zahl von Beobachtungen und Berechnungsregeln systematisiert und Weltwunder der Technik errichtet worden. Doch hatten die babylonischen und ägyptischen Handwerker, Techniker und Gelehrten nicht den Anspruch, Beweise und rationale Erklärungen der ‚Natur‘ zu liefern, die mit theologischen Deutungen allmächtiger, allwissender Götter, welche nach Lust und Laune jederzeit Regen und Sonne, Tsunamis und Erdbeben auslösten, konkurrieren sollten. Sich wegen ihrer technischen Errungenschaften mit den Göttern anzulegen, hatten die Babylonier und Ägypter anscheinend keine Lust. Die babylonischen und ägyptischen Handwerker und Gelehrten ersparten sich den Widerspruch zwischen Theologie und Naturwissenschaft, Mythos und Logos, Physis und Nomos, auf den die Griechen so viel Wert legten. Viele Kulturen folgten den Babyloniern und Ägyptern im Widerwillen, Theologie, Mythos und Naturwissenschaft zu trennen. Immer wieder fielen die Kulturen in die Einheit von Theologie und Naturwissenschaft zurück. In den christlichen Kirchen war es erst im 16. Jahrhundert der Wittenberger Professor Giordano Bruno, der die Unterscheidung von Theologie und Wissenschaft vorschlug. Er wurde am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Campo de´ Fiori bei lebendigem Leibe unter großer Beteiligung aller Schichten Roms öffentlich verbrannt.
Doch die Griechen verteidigten mit der Erfindung der Natur-Wissenschaft ihre Autonomie gegen die Götter und damit ihre Schuldfähigkeit. In der Illias geht Achill noch forensisch schuldunfähig als Marionette streitender Götter, die seine Gefühle beherrschen, mit Schwert und Lanze auf Kameraden los, so dass im letzten Moment die mit ihren großen blauen Augen strahlende Athene ihm in den Arm fallen muss. Erst Jahrhunderte später wird in Griechenland der Mensch schuldfähig und die Götter werden den Naturgesetzen unterworfen. Schon die etwa 70 hippokratischen Schriften der Wanderheiler von der Insel Kos (in den Städten und Dörfern eine Art hausierender Gastarbeiter ohne volles Bürgerrecht) kommen bei der Erklärung von Genesen oder Sterben ohne jeden göttlichen Einfluss aus. Sie brauchen für ihre Behandlungen keinen Gott. Sie brauchen nur ihre ausgedachte Naturwissenschaft. Wanderheiler waren also keine Wunderheiler. Was zur Naturwissenschaft gehört, ändert sich im Lauf der Zeit erheblich; der Gegensatz von Nomos und Physis aber bleibt über alle Veränderungen hinweg: Noch für Aristoteles ist Mathematik ein reines Gedankengebäude und darf keinesfalls zur Erklärung der Natur herangezogen werden (Mainzer, 2004, Bd. II, S. 977). Seit der Renaissance findet man dagegen bis heute kaum eine Erklärung der Natur, die nicht in der Sprache der Mathematik formuliert ist. Physik, Botanik, Zoologie sind in der Antike ebenso aus den exakten Naturwissenschaften ausgeschlossen wie Technik und Experiment. „Die Naturwissenschaft beschäftigt sich in diesem Sinne mit dem natürlichen Verhalten der Dinge. Jeder künstliche Eingriff in die organische Einheit des Kosmos gehört nicht zur Naturwissenschaft, sondern zur Mechanik und Technik. Daher hat auch das Experiment keinen Platz in der antiken Naturwissenschaft“ (Mainzer, 2004, Bd. II, S. 977). Spätestens seit der Renaissance erlauben dagegen gerade experimentelle, mathematisch beschriebene Eingriffe die Erkenntnis von Naturgesetzen. So zählt etwa die Physik erst seit Descartes zu den Naturwissenschaften.
Die nichtreligiöse Magie muss – entgegen der heute verbreiteten Meinung – zu den typischen Naturwissenschaften gezählt werden: Der Magier (Zauberer) nutzt seine beanspruchte Kenntnis der von ihm nicht beeinflussbaren Naturgesetze, wenn er im astrologisch richtigen Moment vorgegebene Bildzeichen, Sprüche, Katzenkot und Spinnweben zu einer Intervention verknüpft. Im Anspruch ist daran nichts Übernatürliches, im Gegenteil. Übernatürlich und nicht der Naturwissenschaft zurechenbar ist nur die religiöse Magie: sie rechnet nicht mit Naturgesetzen, sondern erbittet die Gnade des allmächtigen, allwissenden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und daher keinem Naturgesetz unterworfen. Das unterscheidet bekanntlich Magier von Priestern. Wenn die Interventionen des Magiers (Zauberers) wirkungslos verpuffen, stimmt etwas mit dem Zauberer nicht und sein Ruf als Experte für Naturgesetze leidet schwer. Wenn die Fürbitten des Priesters nicht in Gnadenakten und Wundern Gottes und seiner Heiligen erhört werden, leidet die Reputation des Priesters als Prokurist Gottes dagegen überhaupt nicht. Er behält seine durch Priesterweihen vermittelte Prokura, den Willen, die Allmacht und die Allwissenheit Gottes zu verkündigen sowie Menschen in die Gemeinschaft aufzunehmen oder sie zu exkommunizieren. Viele von uns, wenn auch keineswegs alle von uns, sehen die meisten angeblichen Naturgesetze, auf die sich Magier beriefen, für widerlegt an. Das unterscheidet Magier aber nicht von vielen anderen irrenden Experten für vermeintliche Naturgesetze. Was Natur ist und was nicht, ändert sich zwar im Laufe der Zeit. Die Idee des objektiven Naturgesetzes aber ändert sich dadurch nicht.
Die heutige Vorstellung, naturwissenschaftliche Theorien für prüfungsbedürftig zu halten in der sehr speziellen ‚Empirie‘ von Experimenten, von randomisiert kontrollierten oder von wiederholten Beobachtungs-Studien, hat – nach dem Lesen arabischer Kommentare zu Aristoteles – bereits Bischof Albertus Magnus um 1245 polemisch gegen die schon damals verbreitete Tradition vertreten, Wahrheit aus der logischen Deduktion autoritativer Theorien und heiliger Schriften abzuleiten: „Ein [logischer] Grundsatz, der mit der experimentellen Sinneswahrnehmung nicht übereinstimmt, ist in Wirklichkeit kein Grundsatz, sondern ein fundamentaler Fehler“ (Albertus Magnus, Physica 8.2.2, 1981, S. 144). Ganz im Sinne der heutigen „gegenstandsverankerten Theoriebildung (Grounded Theory)“ besteht Albertus auf „Wiederholung von Beobachtungen unter den verschiedensten Umständen, damit die Ursache der Erscheinung mit Sicherheit ermittelt wird“, weil nur so „bei einer Beobachtung alle Täuschung auszuschließen ist“ (Albertus, Ethica 6,1,1). Sehr anders würden es Jürgen Windeler und Stefan Langer, ehemaliger Präsident und Vizepräsident des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), heute auch nicht ausdrücken. Die Problematik des Schlusses von einer endlichen Zahl von Beobachtungen auf ein allgemein gültiges Naturgesetz ist Albertus offenbar bewusst. Die statistische Schwierigkeit, vom Durchschnitt oder Median einer Häufigkeitsverteilung auf den Einzelfall – z.B. einer Patientin – zu schließen, macht ihm dagegen noch keine Sorgen (Behrens & Langer 2016, S. 68 f., Behrens 2019). Dass Naturgesetze lediglich Hypothesen sind, die (noch) nicht widerlegt sind, deutet sich bei Albertus schon an. Woher wissen wir, dass Albertus das nur für ‚Naturgesetze‘ und nicht für die ‚Wahrheit‘ allgemein so sah? Erstens schränkt Albertus selbst seine Erkenntnis in De Vegetabilibus 6,1,1 ein: „Das Experiment allein gibt in diesen Dingen [also Kräuterheilungen und Pflege] eine Gewissheitserkenntnis. Zweitens begründet Albertus seine ihm vom Papst vorgeschriebenen, Hass predigenden beiden Forderungen, 1248 den jüdischen Talmud zu verbrennen und 1263 in den Kreuzzug zu ziehen, mit Gewissheitserkenntnissen, die sich offenbar der Autorität von Eminenzen verdanken und nicht den empirisch wissenschaftlichen Methoden in seinen De Vegetabilibus, Physica und Ethica.
Heute hat nach 2500 Jahren die Naturwissenschaft als von anderen Wissenschaften methodisch getrennte exakte Wissenschaft ihr Ende gefunden – wenn sie auch, wie wir im letzten Abschnitt sehen werden, nach 1945 aus politischen Rechtfertigungsgründen noch einmal in der Max-Planck-Gesellschaft zum Teil wiederbelebt wurde. Spätestens im 20. Jahrhundert sind die Abgrenzungen zwischen der unbelebten und der belebten Natur verblichen (in Biochemie und Biophysik), dann fast alle Abgrenzungen zu Geistes-, Sozial- und Technikwissenschaften als unangemessen gefallen. Die Physiker waren spätestens mit Heisenberg zum ursprünglich geisteswissenschaftlichen Konstruktivismus übergelaufen. Es haben sich also nicht die Geistes- und Sozialwissenschaften den Naturwissenschaften anverwandelt. Sondern die Naturwissenschaften haben ein geistes- und sozialwissenschaftliches Verständnis von Wissenschaft übernommen (Behrens 2019). Naturgesetze sind von bekannten objektiv ewig unbeeinflussbaren Kausalgesetzen zu vorläufig noch nicht widerlegten Hypothesen geworden, die durch weitere Beobachtungen widerlegbar und dann umformulierbar geworden sind. Ihre – gerne als kausale Naturgesetze formulierten – Korrelationen unterschieden sich nicht mehr prinzipiell von den Korrelationen, die erst Soziologie und Psychologie, dann Ökonomie und Geschichte in ihre mathematisch formulierten Modellierungen einbauten und statt als ‚Gesetze‘ als bloße ‚Muster‘ bezeichneten. Naturgesetze hatten Leibniz und Kant noch als bewiesene Kausalgesetze verstanden. Seit mehr als 100 Jahren, seit Mach, werden Naturgesetze lediglich „als funktionale Zusammenhänge von Messgrößen verstanden, die durch deterministische oder statistische Gleichungen (Bewegungsgleichungen) dargestellt werden. Dabei werden Naturkonstanten verwendet, die approximativ in Experimenten zu bestimmen sind“ (Mainzer 2004, II S. 978). Solche statistisch beschreibbaren funktionalen Zusammenhänge können Menschen, wenn sie das wollen, als kausal interpretieren – ebenso, wie sie die Korrelationen in den Sozial- und Geisteswissenschaften als kausal interpretieren können: Bis die nächste Beobachtungsserie ihnen den Irrtum ihrer Kausal-Interpretation zeigt. Die Folgen für den Anspruch auf objektive Wahrheit, der immer mit den Naturgesetzen der Naturwissenschaften verbunden war, sind enorm. Das Energieerhaltungsgesetz trifft nur auf vollständig abgeschlossene physikalische Systeme zu, die in der empirischen Natur gar nicht vorkommen. Naturgesetze schrumpfen so zu Bestandteilen idealisierender theoretischer Modelle. Sie sind miteinander unvereinbar wie z.B. die Relativitätstheorie von Einstein und die Quantentheorie und damit weit entfernt von einer einheitlichen Theorie. „Wegen des in den Gesetzen steckenden definitorischen Moments ist es fragwürdig, den realistisch verstandenen Begriff der empirischen Wahrheit ohne weiteres auf solche Gesetze anzuwenden“ fasst Holm Tetens (2021, S. 1732) zusammen. Auch die entschiedensten Vertreter des alten Verständnisses von Naturgesetzen und Naturwissenschaften wären heute nicht zu sehr überrascht, würde eines Tages „ein neuer Mensch die Augen öffnen und sich mit Erstaunen einer neuen Natur gegenübersehen“ (C.F. v. Weizsäcker 1963, S. 157).
Eine anthropologische, also bescheiden gewordene menschliche Wissenschafts- und Erkenntnistheorie beginnt jene Wissenschaft abzulösen, die ihre Erkenntnisse, wie noch bei Hume und Locke, als direkt von der Natur auf ihr weißes Blatt geschrieben behauptet (Behrens 2019). Auch behauptet die anthropologisch bescheiden gewordene Erkenntnistheorie nicht mehr, der allwissende Allmächtige habe ihr als seiner geweihten Prokuristin die Wahrheit offenbart. Auch sieben akademische Weihen sind keine Priesterweihen, die einen Zugang zur Erkenntnis eröffnen, den akademisch ungeweihte ‚Laien‘ nicht hätten. Akademisch Geweihte kochen erkenntnistheoretisch mit demselben Wasser wie akademisch Ungeweihte. Mit demselben Wasser wie alle Menschen. Wie die Säuglinge lernen, dass sie mit ihren ursprünglich aus Schmerzen und Hunger entstandenen Schreien ihre Eltern und Großeltern herbeirufen können, so versuchen die Einjährigen, sich hypothesengeleitet aufzurichten und hypothesengeleitet einen Schritt vor den anderen zu setzen. Tausendmal erweisen sich ihre Hypothesen, das könnte wie erwartet klappen, als falsch und sie fallen auf den Hintern. Aber wenn es nach Tausend Änderungen der Hypothesen und ihrer technischen Umsetzung endlich klappt, suchen sie sich in ihrem primären Forschungstrieb sofort neue Herausforderungen, z.B. die für sie enorm hohen Treppenstufen. Mit einer bewundernswerten Frustrationstoleranz, wie sie nun einmal in der Forschung nötig ist, versuchen sie mit immer neuen Hypothesen, die Stufen zu erklimmen und auch wieder herunterzukommen. Woran die Hypothesen der Einjährigen immer wieder scheitern, das ist die ‚objektive Realität‘ ihres Leibes und der Stufen. Aber die ‚objektive Realität‘ ist nur erkennbar, bewältigbar und leiblich veränderbar durch immer wieder neue subjektive Hypothesen und subjektive Versuche. Indem sie so forschen, erkennen und verändern Menschen nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst in ihr. Die Einjährigen folgen der Allgemeinen anthropologisch bescheiden gewordenen Erkenntnistheorie, in die sich die Naturwissenschaften als früher angeblich methodisch von Sozial- und Geisteswissenschaft getrennter Wissenschaft inzwischen aufgelöst haben (Behrens 2019). Auch wenn die Einjährigen ihre subjektiven Theorien, ihre Versuche und Wertgesichtspunkte (Weber 1904) und ihre früheren Perspektiven mit dem Älterwerden allmählich vergessen, mit denen sie die objektive Realität der Stufen und die Herausforderungen des aufrechten Gangs erkannten und meisterten, bleiben ihnen doch ihre subjektiven Erkenntnisse der bewältigten objektiven Realität im Körpergedächtnis bewahrt und nützlich für ihre Handlungspraxis. Subjektive erwartungs- also hypothesengeleitete Bewältigung ist objektive, höchst praktische Erkenntnis. Das gilt für alle Wissenschaft, die mit demselben Wasser kocht wie alle Menschen.
Nach 1945 gab es allerdings einen politisch motivierten Wiederbelebungsversuch der alten ‚Naturwissenschaft‘. Die Max-Planck-Gesellschaft trennte zwischen unpolitischen Grundlagenwissenschaften und politisch oft beeinflussten Angewandten Wissenschaften. Werner Heisenberg, Carl Friedrich v. Weizsäcker, viele Mathematiker und Ingenieure waren zwar vom Dritten Reich entlohnt und vom Kriegsdienst freigestellt worden, damit sie auch massenhaft tötende Waffen entwickelten. Die MPG erklärte sie gleichwohl zu rein naturwissenschaftlichen unpolitischen Grundlagenforschern. Das war ihr Persilschein. Die MPG bediente sich einer Fiktion von unpolitischen Naturwissenschaften, wie sie in den Naturwissenschaften selbst seit vielen Jahrzehnten überwunden war. Unpolitische Grundlagenforschung war für die MPG, wie unsere Analyse der MPG-Akten seit ihrer Gründung erwies (Schneider 2012) , naturwissenschaftliche Laborforschung und Theorie. Nur für sie sah sich die MPG zuständig, nicht für die Angewandten Wissenschaften. Tatsächlich waren einige freigestellte Hauptleute und andere Militärs, die im Reichsluftfahrtministerium und anderen Dienststellen an der Entwicklung massenhaft tötender Waffen arbeiteten, von ihren ursprünglichen Fächern Meteorologie, Astronomie und Raketenwissenschaft schon während des Dritten Reiches in die ‚Reine Mathematik‘ gewechselt. In der Reinen Mathematik, so schien es ihnen, könnten sie ihre Unschuld eher bewahren. Die MPG erkannte Werner Heisenberg und C.F. v. Weizsäcker als unschuldige ‚Grundlagenforscher‘ der Naturwissenschaften an und machte sie zu Direktoren an Max-Planck-Instituten. Dabei waren Heisenberg wie auch sein Bruder um 1919 in rechtsradikale Freikorps eingetreten, die gegen die Republik kämpften: Heisenberg im Freicorps Lützow gegen die Münchner Räterepublik, sein Bruder im Freicorps Epp gegen die Weimarer Republik. Unter der NS-Regierung emigrierten sie nicht.
Umso mehr sind Heisenberg, v. Weizsäcker und die Göttinger 18 dafür zu bewundern, dass sie das Angebot, als zertifiziert unschuldige naturwissenschaftliche Grundlagenforscher ihr Leben unbehelligt zu verbringen, ausschlugen. Kein Geringerer als Albert Einstein hatte in seinem „Glaubensbekenntnis“ von 1934 das Verführerische dieses Angebots in bewegende Worte gefasst: „Zu den Menschen zu gehören, die ihre besten Kräfte der Betrachtung und Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen dürfen und können, bedeutet eine besondere Gnade. Wie froh und dankbar bin ich, dass ich dieser Gnade teilhaftig geworden bin, die weitgehend vom persönlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabhängig macht“ (Einstein 1934). Was könnte es im Leben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Verführerisches geben als einerseits die Anerkennung durch ihre Mitmenschen und andererseits die gleichzeitige beglückende Unabhängigkeit vom ‚persönlichen Schicksal‘ und von den ‚Nebenmenschen‘? Dennoch lehnten Heisenberg, v. Weizsäcker mit den Göttinger 18 die Fiktion einer Naturwissenschaft ab, insbesondere die Fiktion einer politisch unschuldigen naturwissenschaftlichen Grundlagenwissenschaft. (Das tat bekanntlich auch Einstein selbst, der sich seiner Verfolgung als sozialistisch-pazifistisch-kommunistisches Sicherheitsrisiko durch FBI und Präsident McCarthy aussetzte, anstatt seine Unabhängigkeit vom Verhalten der Nebenmenschen in Princeton friedlich zu genießen.) Nichts zwang die Göttinger 18, Adenauers These, die Atombewaffnung sei die moderne Form der Artillerie, öffentlich anzugreifen. Sie taten es trotzdem. Als 5. Kolonne Moskaus verunglimpfte die CDU/CSU sie. Selbst ihre Fachgesellschaft, die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), wollte ihre Erklärung als zu politisch nicht veröffentlichen. Die DPG hielt lieber an der Fiktion einer unpolitisch-unschuldigen Naturwissenschaft fest. Da gründeten die Atomphysiker, darunter vier Nobelpreisträger, zusammen mit anderen während der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft am 1. Oktober 1959 in Berlin die VDW, die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), heute oft gendergerecht „Verantwortung der Wissenschaft (VDW)“ ausgesprochen. Am 1. Oktober 2029 ist sie zum Siebzigsten zu ehren und ihr Glück und Erfolg zu wünschen. Hartmut Graßl, lange Direktor am MPI für Meteorologie und lange Vorsitzender der VDW, erklärt die Fiktion der MPG einer unpolitischen naturwissenschaftlichen Grundlagenwissenschaft so: „Die MPG hat nach dem 2. Weltkrieg ein schweres Erbe als Nachfolgerin der oft in die Nazi-Gräuel verwickelten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft angetreten und hat wie viele andere Institutionen die Mitläufer und auch einzelne Akteure aus der Diktatur übernommen. Um eine erneute Kontamination zu vermeiden, wünschte sie von den neuen Instituten zunächst Abstinenz von öffentlichen politischen Äußerungen.“ Glücklicherweise haben viele wie auch Hartmut Graßl “politische Äußerungen keinesfalls vermieden“.
Heute haben sich alle wissenschaftlichen Akademien und Fachgesellschaften zur politischen Beratung verpflichtet, oft sogar wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in ihren konstitutiven Dokumenten. Das Programm, politisch die Verantwortung der Wissenschaft zu übernehmen, ist kein Alleinstellungsmerkmal der VDW mehr. Im Konzert all dieser Stimmen wird und muss die VDW ihre eigene Stimme finden.
Johann Behrens, Juli 2026
Der Verfasser dankt Hartmut Graßl für Fragen und Verbesserungsvorschläge auch zu diesem Beitrag.
Dieser Beitrag ist dem mathematisierenden Herrn der Ringe und allen seinen Enkeln und Urenkeln nachträglich zu seinem hundertsten Geburtstag gewidmet.
Quellen:
Albertus Magnus 1981 (1951 ff.), Alberti Magni Opera Omnia. Aschendorff, Münster 1951 ff.
Behrens, Johann 2019, Theorie der Pflege und der Therapie, Bern, Göttingen., Oxford: Hogrefe
Behrens, Johann & Langer, Gero 2016, Evidence based Nursing and Caring, Bern,Göttingen, Oxford: Hogrefe
Blumenberg, Hans 1979, Arbeit am Mythos, Frankfurt am Main: Suhrkamp
Einstein, Albert 1934, Mein Glaubensbekenntnis, in: Albert Einstein, Mein Weltbild, Hg. Seelig, C., Europa Verlag, S. 8-15
Graßl, Hartmut 2026, E-Mail an den Verfasser vom 19.7.2026
Mainzer, Klaus 2004, Naturwissenschaft, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hg. Mittelstraß, Jürgen, Sonderausgabe Darmstadt: wbg, S. II 977 – 979
Mittelstraß, Jürgen 2004, Natur in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Hg. Mittelstraß, Jürgen, Sonderausgabe Darmstadt: wbg, S. II 961 – 964
Schneider, Susanne 2012, Die Entwicklung der klinischen Forschung in der medizinischen Grundlagenforschung der Max-Planck-Gesellschaft im Spiegel der forschungsstrategischen Selbstbeschreibungen, Stellenbesetzungen und sonstigen Dokumenten der Max-Planck-Gesellschaft/ unter Beteiligung von Behrens, Johann; Braun, Thomas und Henning, Eckart. Dissertation Halle-Wittenberg, Signatur: 12 H 301
Tetens, Holm 2021, Naturgesetz, in Enzyklopädie Philosophie, Hg. Hans Jörg Sandkühler, Hamburg: Felix Meiner Verlag, S. 1728 – 1733
Weber, Max 1904, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In derselbe: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hgg. Winkelmann, Tübingen: Mohr 8. Auflage 1988
Weizsäcker, Carl Friedrich 1963, Zum Weltbild der Physik, 10. Auflage, Stuttgart: S. Hirzel
