Bericht: Wie aus Trennung Zusammenhalt entsteht – Grünes Band Deutschland als Weltnatur- und -Kulturerbe | 16. Juni 2026 | In 55 Minuten auf den Punkt mit Prof. Hubert Weiger
Prof. Hubert Weiger zeigte, wie aus der ehemaligen innerdeutschen Grenze durch das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik das Grüne Band entstand – heute Europas größter Biotopverbund und ein Symbol für Natur- und Erinnerungskultur. Er betonte, dass langfristiges Denken, politische Unterstützung und bürgerschaftliches Engagement entscheidend für den Erfolg waren. Das Grüne Band verdeutlicht, wie aus einem Ort der Trennung ein gemeinsames Zukunftsprojekt entstehen kann und liefert wichtige Impulse für den Umgang mit heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Prof. Hubert Weiger, Vorstandsmitglied der VDW, langjähriger Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und einer der bedeutendsten Naturschützer Deutschlands, hat den Wandel vom Grenzstreifen zum gemeinsamen Zukunftsraum politisch gestaltet, gesellschaftlich verankert und über Jahrzehnte hinweg begleitet – bis hin zur heutigen Perspektive als UNESCO-Weltkultur- und -naturerbe.
Im VDW-Format „In 55 Minuten auf den Punkt mit …“ berichtete er von seinen Erfahrungen beim Aufbau des Grünen Bandes.
Mit zahlreichen Teilnehmenden diskutierte er, wie man solche positiven Projekte und Erfahrungswerte für heutige Herausforderungen nutzen kann. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Hirnforscherin und VDW-Geschäftsführerin Dr. Maria Reinisch.
Aus Trennung wird Gemeinschaft
Naturschützer als Vorreiter
Bereits vor dem Mauerfall entstanden erste Kontakte zwischen Naturschützerinnen und Naturschützern aus Ost- und Westdeutschland, die sich im Rahmen gemeinsamer Kartierungsarbeiten austauschten. Einen entscheidenden Wendepunkt markierte schließlich der 9. Dezember 1989: Nur wenige Wochen nach der Grenzöffnung trafen sich über 400 Naturschützerinnen und Naturschützer aus beiden Teilen Deutschlands zur ersten gesamtdeutschen Naturschutztagung. Die dort verabschiedete gemeinsame Resolution bildete den Grundstein für die Vision eines Grünen Bandes entlang der ehemaligen Grenze.
Das Grüne Band – eine Erfolgsgeschichte
Heute erstreckt sich das Grüne Band über rund 1.378 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und bietet Lebensraum für mehr als 1.200 gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Es gilt als das längste zusammenhängende Biotopverbundsystem Europas und verbindet Natur-, Kultur- und Zeitgeschichte auf einzigartige Weise. Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen: Lücken im Biotopverbund durch Infrastrukturprojekte, intensive Landwirtschaft oder Rückübertragungen von Flächen erschweren einen vollständigen Schutz.
Aktuelle Herausforderungen
Im Mittelpunkt steht die vollständige rechtliche Sicherung des Grünen Bandes durch Naturschutzverordnungen, insbesondere in bislang noch nicht vollständig geschützten Abschnitten wie in Thüringen. Bereits heute stehen rund 90 Prozent der Flächen unter Schutz. Darüber hinaus wird eine Anerkennung als UNESCO-Weltnatur- und Weltkulturerbe angestrebt. Das Grüne Band soll dabei nicht nur als einzigartiger Naturraum, sondern zugleich als „lebendiges Denkmal“ an die deutsche Teilung und die friedliche Revolution in der DDR verstanden werden. Es verbindet Erinnerungskultur mit Biodiversitätsschutz und steht zugleich für demokratischen Zusammenhalt sowie europäische Integration.
Übertragbarkeit auf heute
Hubert Weiger betonte, dass der Erfolg des Grünen Bandes auf mehreren zentralen Faktoren beruhe. Entscheidend sei gewesen, historische „Momente der Möglichkeit“ zu erkennen und entschlossen zu nutzen. Ebenso wichtig seien ein langfristiger Planungshorizont, die kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung sowie politische Unterstützung und institutionelle Verankerung gewesen. Gesetzliche Rahmenbedingungen hätten schließlich die dauerhafte Sicherung ermöglicht.
Darüber hinaus hob Hubert Weiger die Bedeutung des ehrenamtlichen und zivilgesellschaftlichen Engagements hervor. Erst das Zusammenspiel engagierter Bürgerinnen und Bürger mit Wissenschaft, Politik und Verwaltung habe den langfristigen Erfolg ermöglicht. Ebenso wesentlich sei die Verbindung von Natur- und Kulturgeschichte gewesen, die das Projekt emotional greifbar machte und breite gesellschaftliche Unterstützung erzeugte.
Was sollten wir aus den 55 Minuten unbedingt mitnehmen?
Es lohnt sich, für die Demokratie zu kämpfen – nicht nur für den Naturschutz, sondern vor allem für die Demokratie selbst. Denn alle Erfolge im Naturschutz sind letztlich auch Erfolge der Demokratie. Demokratie bedeutet die Macht der Vielen statt die Macht der Wenigen. Ohne Demokratie gäbe es kein Grünes Band und keinen wirksamen Naturschutz.
Neugierig geworden? Schauen Sie sich den vollständigen Vortrag von Prof. Hubert Weiger an.
Zum Format „In 55 Minuten auf den Punkt mit …“
„In 55 Minuten auf den Punkt mit…“ präsentieren renommierte Wissenschaftler:innen aktuelle Themen aus Forschung und Gesellschaft in kompakten 55 Minuten, genau passend für die Mittagspause.
Überblick über das Format und die weiteren Veranstaltungen der Reihe.


