14. April 2026 | In 55 Minuten auf den Punkt mit Prof. Dr. Ernst Pöppel

In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz, Fake News und digitale Informationsfluten unseren Alltag prägen, sind wir mit einer Vielzahl von Eindrücken konfrontiert, die wir einordnen, bewerten und interpretieren müssen. Dabei verlassen wir uns auf ein Organ, das wir zwar ständig nutzen, aber nur selten wirklich verstehen: unser Gehirn.

In der Auftaktveranstaltung des neuen VDW-Formats „In 55 Minuten auf den Punkt mit …“ innerhalb der Veranstaltungsreihe Jung & Alt bewegt gab der renommierte Hirnforscher und VDW-Beiratsmitglied Prof. Dr. Ernst Pöppel spannende Einblicke in das Mysterium unseres Gehirns. Im Anschluss hatten die rund 60 Teilnehmenden, darunter auch die Klasse 9A der VDW-Kooperationsschule Camerloher-Gymnasium in Freising, die Möglichkeit, ihre Fragen direkt an den Experten zu richten. Moderiert wurde die Veranstaltung von der VDW-Geschäftsführerin Dr. Maria Reinsich.

Die Veranstaltung wurde mit einem kurzen thematischen Einstieg in das Thema Gehirn eröffnet. In Form eines Quiz wurden den Teilnehmenden zunächst Fragen zur Größe des Gehirns, seinem Energieverbrauch sowie seiner Schmerzempfindlichkeit gestellt.

 Ein Blick in unser Gehirn mit Prof. Dr. Ernst Pöppel

Im Zentrum des Vortrags von Prof. Dr. Ernst Pöppel stand die Frage, wie Wahrnehmung entsteht und verarbeitet wird. Zunächst stellte er ein klassisches Bottom-up-Modell vor, bei dem Reize direkt in Reaktionen umgesetzt werden. Dieses Modell ergänzte er durch das Top-down-Modell, das verdeutlicht, dass Wahrnehmung nicht allein von äußeren Reizen bestimmt wird, sondern ebenso durch Erwartungen, Hypothesen und bereits vorhandenes Wissen im Gehirn geprägt ist. Wahrnehmung stellt damit kein reines Abbild der Realität dar, sondern einen konstruktiven Prozess, bei dem äußere Eindrücke und innere Vorstellungen kontinuierlich miteinander in Wechselwirkung stehen.

Im weiteren Verlauf beschrieb Pöppel den Aufbau des Gehirns und machte dessen hohe Komplexität deutlich. Es besteht aus etwa 500 Millionen Sinneszellen, die Informationen aus der Umwelt aufnehmen, sowie rund 4 Millionen motorischen Zellen, die für Bewegung und körperliche Reaktionen verantwortlich sind. Ergänzt wird dieses System durch ein hochvernetztes intermediäres Netzwerk, das zentrale Funktionen für Denken und Bewusstsein übernimmt. Jede Nervenzelle ist dabei mit bis zu 10.000 anderen Zellen verbunden, wodurch eine enorme Vernetzungsdichte entsteht, die das Gehirn in seiner Gesamtheit nicht vollständig berechenbar macht.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der zeitlichen Struktur des Gehirns und zentralen Erkenntnissen der Forschung. So arbeitet das Gehirn in Zeitfenstern von etwa drei Sekunden, eine Struktur, die sich sowohl in Sprache als auch in Musik und allgemeiner Kommunikation widerspiegelt. Zudem betonte Pöppel, dass Wahrnehmung, Emotion, Erinnerung und Handeln eng miteinander vernetzt sind und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Zum Abschluss seines Vortrags ging er zudem auf die Entstehung von Kreativität ein und betonte, dass insbesondere Offenheit, Selbstvertrauen und ausreichend Zeit zum Nachdenken kreatives Denken fördern, während Zeitdruck, Angst und Multitasking kreative Prozesse deutlich hemmen.

Vom Denken über Träume bis Politik: Fragen an die Hirnforschung

Im Anschluss hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, Fragen direkt an den Referenten zu stellen.

Wie kann man sein Gehirn vor Überforderung schützen?

Pöppel betonte die Bedeutung von Selbstfürsorge und Reflexion. Wichtig ist, sich selbst nicht zu überfordern, sich Zeit zu lassen und regelmäßig Abstand von Informationsreizen zu gewinnen. Eine einfache, aber wirkungsvolle Empfehlung von ihm ist tägliches Spazierengehen.

Wie lässt sich aus Sicht der Gehirnforschung erklären, dass Menschen anfällig für politisches Chaos sind?

Im Zusammenhang mit der Frage nach Populismus und den Funktionsweisen des Gehirns erklärte Pöppel, dass Menschen grundsätzlich fehleranfällig sind, unter anderem durch Evolution, individuelle Prägung, Sprache und Vorurteile. Viele Menschen neigen nach ihm dazu, einfache Antworten zu bevorzugen und anderen zu folgen, anstatt selbst kritisch zu reflektieren. Als wichtigsten Schutzmechanismus nannte er daher Selbstreflexion, unabhängiges Denken und eine bewusste Entscheidungsfindung.

Gilt die Begrenztheit des menschlichen Denkens auch für die Hirnforschung?

Auf die Frage nach der Gewinnung von Erkenntnissen in der Hirnforschung machte Pöppel deutlich, dass auch Wissenschaftler: innen den Grenzen des menschlichen Denkens unterworfen sind. Selbsterkenntnis entsteht vor allem durch Lebenserfahrung, Rückschläge und eine aufmerksame, genaue Beobachtung der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Handelns.

Haben Träume eine wichtige Bedeutung für das Gehirn?

Eine Schülerin fragte nach der Bedeutung von Träumen für das Gehirn. Pöppel betonte das Träume und Schlaf zentral für das Gedächtnis sind. Besonders im REM- und Non-REM-Schlaf werden Erinnerungen verarbeitet und gefestigt. Träume könnten zudem Hinweise auf innere Prozesse geben, sind jedoch wissenschaftlich noch nicht vollständig erforscht.

Warum kann man sich oft nicht an die frühe Kindheit erinnern?

Aus dem Publikum kam die Frage, warum Kindheitserinnerungen oft verloren gehen. Pöppel erklärte, das frühe Kindheitserinnerungen meist fehlen, da nur wenige stabile Gedächtnisinhalte langfristig gespeichert werden. Erinnern sei zudem kein Abruf, sondern eine aktive Konstruktion, bei der wir uns selbst in Erinnerungen hineinprojizieren. Diese Fähigkeit sei zentral für unsere persönliche Identität.

Warum ist es schwer zu akzeptieren, dass politische Einstellungen mit Unterschieden im Gehirn zusammenhängen könnten?

Auf die Frage hin, erklärte Ernst Pöppel, dass sich das Gehirn aus dem Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen entwickelt. Individuelle Erfahrungen, Kultur und frühe Prägungen formen dabei Denkweisen und Einstellungen, sodass keine klare Trennung zwischen „angeboren“ und „erlernt“ möglich ist. Zudem ist das Gehirn auf schnelle Verarbeitung ausgelegt, was vereinfachtes Denken und Vorurteile begünstigt. Die Ablehnung solcher Unterschiede hängt nach Pöppel auch damit zusammen, dass sie das Bild vom freien, unabhängigen Denken infrage stellen.

Abschlussgedanke

Zum Abschluss betonte Ernst Pöppel die Bedeutung eines bewussten Umgangs mit dem eigenen Denken. Wichtig ist es, sich Zeit zu lassen, nicht vorschnell zu urteilen und durch „Warten“ reflektierter zu denken, statt impulsiv zu reagieren. Dabei gehe es jedoch nicht um Untätigkeit, sondern um die richtige Balance. Zudem hob er hervor, dass Menschen sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein sollten.

Die VDW bedankt sich bei dem Referenten Prof. Dr. Ernst Pöppel und allen  interessierten Teilnehmenden für die anregende Veranstaltung.

Zum Format „In 55 Minuten auf den Punkt mit …“

„In 55 Minuten auf den Punkt mit…“ präsentieren renommierte Wissenschaftler:innen aktuelle Themen aus Forschung und Gesellschaft in kompakten 55 Minuten, genau passend für die Mittagspause. Ein Format in der Veranstaltungsreihe Jung und Alt bewegt“.