Bericht: Energiesouveränität – Versorgungssicherheit, Geopolitik, Resilienz
Tagung anlässlich des 80. Geburtstags von Dr. Jochen Luhmann
Am 5. Oktober 2026 kamen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Energieökonomie, Energiewirtschaft, Klimapolitik und Geopolitik im Dietrich-Bonhoeffer-Haus zusammen, um über Fragen der Energieversorgung und deren Bedeutung für die nationale Souveränität zu diskutieren.

Dr. Maria Reinisch, Geschäftsführerin der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, führte in das Thema ein und skizzierte zunächst die großen globalen Herausforderungen. Dabei kontrastierte sie die Erkenntnisse des World Economic Forum Global Risks Report 2026 mit den messbaren Auswirkungen der Klimakrise auf die deutsche Wirtschaft, den zunehmenden Naturkatastrophen und der Energieunsicherheit in einer Zeit starker politischer Polarisierung. Zugleich verwies sie auf positive Entwicklungen in der Greentech-Branche sowie beim Ausbau erneuerbarer Energien und der Elektromobilität.
Weitere einführende Worte fand anschließend Jörn Schwarz, Vorsitzender von ASPO Deutschland. Er legte einen besonderen Fokus auf Energiesouveränität als Voraussetzung für eine zukunftsorientierte Energiewirtschaft. Nur eine umfassende Energie- und Emissionswende könne dazu beitragen, den zunehmenden Extremwetterereignissen entgegenzuwirken.
Dr. Reinisch moderierte im Anschluss die beiden ersten Themenschwerpunkte.
Energiesouveränität
Im ersten Themenblock widmeten sich die Referenten der Frage, welcher Grad an Energiesouveränität für Deutschland ökonomisch darstellbar ist.
Prof. Achim Wambach, Präsident des ZEW, nahm eine energieökonomische Perspektive ein und plädierte insbesondere für eine Stärkung der geoökonomischen Resilienz sowie für eine Energiewende als sicherheitspolitischen Faktor. Energiesouveränität könne unter anderem durch die Einrichtung einer ständigen Arbeitsgruppe für Energiesicherheit, eine Vertiefung des Strommarktes, die Reduktion strategischer Abhängigkeiten bei Energieträgern und eine Stärkung der Reaktionsfähigkeit verbessert werden.
Sein Nachredner Tilman Schwencke, Leiter des Geschäftsbereichs Strategie und Politik beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, betonte anschließend die positiven Entwicklungen bei aktuellen Infrastrukturprojekten sowie den mittlerweile hohen Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromerzeugung.
Klimapolitik
Ein zentrales Ziel der Klimapolitik müsse darin bestehen, den Aufbau eines vollständig erneuerbaren Stromsystems im Rahmen der Transformation zur Klimaneutralität weiter voranzutreiben. Dr. Felix Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut, unterstrich dabei, dass energie-, klima-, industrie- und landwirtschaftspolitische Strategien nur erfolgreich sein können, wenn sie die neue Phase der Energiewende antizipieren. Neben detaillierten Ausführungen zu den Kostenstrukturen des deutschen Stromsystems wies Matthes darauf hin, dass gesellschaftliche Stimmung und politische Debatten auch in der Energie- und Klimapolitik teilweise von Hype-Zyklen geprägt seien. Umso wichtiger sei ein aufgeklärter und differenzierter Umgang mit diesen Dynamiken.
Carolin Schenuit, Geschäftsführende Vorständin des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS), knüpfte an die ökonomischen Aspekte an und erläuterte, wie eine klare Finanzpolitik zu mehr Stabilität und neuen Handlungsspielräumen beitragen kann. Sie machte deutlich, dass umweltschädliche Subventionen das Erreichen der Klima- und Umweltziele erschweren, Fehlanreize für Investitionen und Konsum setzen und zugleich die öffentlichen Haushalte belasten. Damit werde auch das ökonomische Potenzial unterschätzt und unzureichend genutzt, das eine effiziente Klimapolitik bietet.
Geopolitik & Resilienz
Die zweite Hälfte der inhaltlichen Veranstaltung wurde von Dr. Martin Held, Vorstandsmitglied von ASPO Deutschland, moderiert.
Prof. Peter Hennicke, Senior Advisor, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal, fokussierte sich in seinem Vortrag auf die geopolitische Zeitenwende, bestehende Energieabhängigkeiten und Perspektiven für eine Stärkung der Resilienz. Er argumentierte, dass eine strategisch ausgerichtete und sozialverträgliche Energiesparkampagne, die sowohl den Wärme- als auch den Stromverbrauch adressiert, schneller, kostengünstiger und mit geringeren Risiken zur Energiesouveränität beitragen könne als der Weiterbetrieb der noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke.
Energiesouveränität und Friedensordnung
Der Jubilar des Abends, Dr. Jochen Luhmann, rahmte das Abschlusspanel mit seinen Überlegungen zu den Zusammenhängen zwischen Energiesouveränität und einer zukünftigen Friedensordnung. Dabei forderte er die Bereitschaft, über regionale und sektorale Verschiebungen von Wertschöpfungspotenzialen im Zuge der globalen Energiewende zu sprechen und entsprechende Absprachen zu treffen. Zudem plädierte er für eine „Helsinki-Erklärung“ zu den Prinzipien der Kooperation in den Konflikten, die mit der Energiewende und der Klimapolitik in Europa einhergehen.
Im anschließenden Abschlusspanel diskutierte Luhmann seine Positionen gemeinsam mit den Referentinnen und Referenten.
Die Abschlussrede des Abends hielt Prof. Hartmut Graßl, Co-Vorsitzender des Beirats der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler. Graßl ordnete die Veranstaltung in die vergangenen Jahrzehnte der Klimapolitik ein und verwies insbesondere darauf, deren Erfolge klar zu benennen und Fehlschlüsse zu vermeiden. Die Tatsache, dass verschiedene Worst-Case-Szenarien bislang abgewendet werden konnten, sei auch das Ergebnis intensiver Klimaforschung und darauf aufbauender politischer Entscheidungen. Veranstaltungen wie diese stimmten zugleich optimistisch, dass die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen von Klimawandel und Energiewende auch in Zukunft fortgeführt werde.
Dr. Held beendete die Veranstaltung offiziell. Im Anschluss folgte ein informelles Get-together zu Ehren von Dr. Jochen Luhmann. Ehrungen für den Jubilar wurden durch Prof. Ulrich Bartosch, Prof. Uwe Schneidwind, Prof. Peter Hennicke und Kai Schlegelmilch vorgetragen.
Bilder und Text: Philipp Geyer


Mit freundlicher Unterstützung:
Verein der Freund*innen des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gGmbH e. V.












