Bericht: Transformation gestalten – Wissen, Macht und Nachhaltigkeit | 22. September 2026 | In 55 Minuten auf den Punkt mit Prof. Uwe Schneidewind
Klimawandel, Digitalisierung, gesellschaftlicher Zusammenhalt – wir wissen heute so viel wie nie zuvor über die Herausforderungen unserer Zeit. Doch Wissen allein verändert die Welt noch nicht. Wir müssen aus Erkenntnissen gemeinsames Handeln entstehen lassen.
Doch wie spielen Wissen und Macht zusammen, und was braucht es, damit nachhaltige Transformation gelingt?
Diese Frage stand im Mittelpunkt des Gespräches mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Wirtschaftswissenschaftler, der sich seit mehr als 25 Jahren mit nachhaltigen Transformationsprozessen an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Schneidewind war Präsident der Universität Oldenburg sowie des Wuppertal Instituts und von 2020 bis 2025 Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal.
Der Optimismus der Vergangenheit
Schneidewind blickte zunächst auf die Jahre 2019 und 2020 zurück. Bewegungen wie Fridays for Future, der European Green Deal und ein breites Engagement auf europäischer, nationaler und kommunaler Ebene hätten damals den Eindruck vermittelt, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend in politisches und gesellschaftliches Handeln übersetzen ließen. Auch seine eigene Wahl zum Oberbürgermeister von Wuppertal sei von dieser Aufbruchsstimmung geprägt gewesen.
Heute, sechs Jahre später, habe sich das Bild deutlich gewandelt. Das Klimathema sei Teil gesellschaftlicher Kulturkämpfe geworden, neue Krisen wie Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit und die Nachwirkungen der Corona-Pandemie seien hinzugekommen. Wissen und Macht seien dadurch zunehmend auseinandergefallen und politische Kommunikation zunehmend von populistischen Mustern geprägt.
Die drei Mechanismen
Macht vor Sachpolitik
Wissenschaftliche Erkenntnisse würden in politischen Auseinandersetzungen zunehmend instrumentell und innerhalb einer machtpolitischen Logik eingesetzt, so Schneidewind. Er spricht von einer „Ökonomie des Neins“, bei der Verhinderung oft leichter sei als die Umsetzung komplexer Lösungen. Für die Wissenschaft bedeute dies, sich von der Vorstellung zu lösen, das bessere Argument setze sich automatisch durch – ein gutes Argument brauche auch machtpolitische Begleitung und tragfähige Allianzen.
Kümmern vor Konzept
Gerade in der Lokalpolitik gerieten konzeptionelle Entwürfe für langfristige Veränderungen schnell in Konflikt mit aktuellen, emotional aufgeladenen Themen. Schneidewind betonte die Bedeutung des „Kümmerns“: Nur wenn konkrete Sorgen der Menschen ernst genommen und sichtbar bearbeitet würden, könne eine gesellschaftliche Stimmung entstehen, in der auch langfristige Transformation möglich sei. Reine Konzepte wirkten dagegen schnell kalt und abgekoppelt von den Interessen der Menschen – eine Falle, in die er nach eigener Aussage selbst geraten sei. Politik muss immer Komplexität reduzieren, was zu einem „Unterkomplexitätsschmerz“ führen kann.
Person vor Thema
Während in der Wissenschaft vor allem Argument und Inhalt zählten, spiele in der Politik das Vertrauen in Personen eine zentrale Rolle. Gerade bei komplexen Themen und Krisen werde es wichtiger, politischen Personen zu vertrauen, als sich im Detail mit Programmen auseinanderzusetzen. Für die Wissenschaft folge daraus: Es brauche Menschen, die wissenschaftliches Wissen verständlich übersetzen, Vertrauen schaffen und Erkenntnisse gesellschaftlich vermitteln.
Es geht um das Aufbauen von Vertrauen in Komplexität: der Primat der Person. Man braucht Personen, die das Vertrauen in den Wissenschaftsapparat reproduzieren. „Personenvertrauende Vertrauensproduzenten“.
Was das bedeutet. Für die Wissenschaft und die VDW
Für die VDW seien diese Überlegungen unmittelbar relevant: Wenn Wissenschaft gesellschaftlich wirksam werden wolle, stelle sich die Frage, welche Angebote und Strukturen dafür nötig seien. Dabei spiele auch die persönliche Dimension eine Rolle, da die VDW historisch wie gegenwärtig durch öffentlich anerkannte Persönlichkeiten geprägt sei. Auf die Frage, wie aus der gegenwärtig eher gegensätzlichen Stimmung wieder eine Situation entstehen könne, in der Transformation gelingt, verwies Schneidewind auf die Bedeutung emotionaler, authentischer Persönlichkeiten, die politische Anliegen glaubwürdig vermitteln – als Beispiel nannte er Boris Pistorius.
Aus der Fragerunde
Schneidewind plädierte weniger für „lauter“ als für „authentischer und kraftvoller“: Fridays for Future sei zeitweise hegemonial gewesen und habe gerade dadurch Wirkung entfaltet. Eine zu rationalistische Kommunikation von Transformation könne dagegen Vertrauen kosten und im ungünstigen Fall sogar Feindbilder befördern.
Rückblickend auf seine Anfangszeit als Oberbürgermeister während der Corona-Pandemie bezeichnete Schneidewind sein zunächst zurückhaltendes Auftreten als „riesigen Fehler“. Entscheidend sei der frühzeitige Aufbau von Vertrauenskapital, auch über soziale Medien, um Menschen mitzunehmen. Die kommunale Ebene beschrieb er als besonders anspruchsvoll, da sie zugleich von eigenen Entscheidungen und von Landes- und Bundespolitik abhänge – und weil die notwendige Reduktion wissenschaftlicher Komplexität durch die Politik bislang oft unbefriedigend gelöst werde, was populistischen Argumentationen Vorschub leiste.
Mit Blick auf den Wissenschaftsbetrieb selbst verwies Schneidewind auf die Erfahrungen des Wuppertal Instituts mit Experimentierräumen, die sich in realen Projekten erproben und Wissen unmittelbar wirksam machen. Da künstliche Intelligenz den Zugang zu Wissen zunehmend erleichtere, werde es umso wichtiger, dieses Wissen auch tatsächlich wirksam werden zu lassen – dafür seien teils radikale strukturelle Veränderungen nötig.
Was sollten wir aus den 55 Minuten unbedingt mitnehmen?
„Nicht den Glauben an unsere Wissenschaftlichkeit verlieren, sondern ein Verständnis dafür entwickeln, dass es voraussetzungsvoll ist, wissenschaftliche Erkenntnisse auch in gesellschaftliche Wirkung zu bringen – und dass es sich dennoch lohnt.“
Neugierig geworden? Schauen Sie sich den vollständigen Vortrag von Prof. Uwe Schneidewind an.
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