Bericht: Warnsignal Klima – die Landwirtschaft | 09. September 2026 |Bücher, die die VDW bewegen | mit Prof. Hartmut Graßl & Prof. Karl Auerswald
Wie kann Landwirtschaft produktiv, klima- und umweltverträglich sowie zukunftsfähig gestaltet werden?
Die Landwirtschaft steht vor einem komplexen Spannungsfeld. Sie muss Ernährung sichern, wirtschaftlich tragfähig bleiben und gleichzeitig auf Klimawandel, Bodendegradation und den Verlust von Biodiversität reagieren.
Diese Herausforderungen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung „Bücher, die die VDW bewegen“. Rund 140 Teilnehmende diskutierten online mit dem Klimaforscher Prof. Hartmut Graßl und dem Agrarwissenschaftler Prof. Karl Auerswald über die Zukunft der Landwirtschaft. Ausgangspunkt war das gemeinsam mit weiteren Autoren herausgegebene Buch „Warnsignal Klima – Die Landwirtschaft“.
Ernährung neu denken
Kann ökologische Landwirtschaft die Mehrheit der Menschen ernähren? Für Graßl und Auerswald ist das grundsätzlich möglich, allerdings nicht ohne Veränderungen im gesamten Ernährungssystem.
Weniger tierische Produkte, eine stärkere Nutzung von Feldfrüchten für die direkte menschliche Ernährung und eine deutliche Reduzierung der Lebensmittelverschwendung könnten dazu beitragen, landwirtschaftliche Flächen effizienter zu nutzen. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft sowie die Politik die Leistungen ökologischer Landwirtschaft stärker honorieren und fördern. Dabei wurde auch die sogenannte Ertragslücke zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft thematisiert. Entscheidend sei nicht allein, wie viel auf einer einzelnen Fläche produziert werde, sondern wie effizient das gesamte Ernährungssystem mit Boden, Wasser, Fläche und Ressourcen umgehe.
Wasser im Boden halten
Ein weiterer zentraler Aspekt war die Bedeutung des Bodenkohlenstoffs angesichts zunehmender Trockenheit. Unter den sich verändernden klimatischen Bedingungen gehe es zunehmend darum, vorhandenen Kohlenstoff im Boden zu erhalten.
Dabei spielt Wasser eine entscheidende Rolle. Mehr Feuchtigkeit könne grundsätzlich die Kohlenstoffspeicherung im Boden fördern. Graßl und Auerswald plädierten deshalb dafür, Wasser stärker in der Landschaft und im Boden zu halten, anstatt es möglichst schnell abzuleiten. Auch die Gestaltung der Landschaft könne dazu beitragen.
Ist die Kuh ein Klimakiller?
Besonders kontrovers diskutiert wurde die Rolle der Rinderhaltung. Eine pauschale Bewertung der „Kuh“ als Klimaproblem greife zu kurz, machten die Referenten deutlich.
Gleichzeitig können Wiederkäuer Flächen nutzen, die sich nicht für den direkten Anbau menschlicher Nahrungsmittel eignen. Eine extensive Weidehaltung könne deshalb unter bestimmten Bedingungen Bestandteil eines nachhaltigen Landwirtschaftssystems sein.
Landwirtschaft als Motor der Energiewende
Häufig werde Landwirtschaft vor allem als Verursacherin von Klima- und Umweltproblemen wahrgenommen. Dabei hätten viele Landwirte früh in Photovoltaik, Windenergie und andere Formen erneuerbarer Energie investiert und damit den Ausbau aktiv vorangetrieben.
Die Autoren betonten, dass Landwirte daher nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern auch wichtige Akteure der Energiewende sind. Ohne das Engagement vieler landwirtschaftlicher Betriebe wäre der Ausbau erneuerbarer Energien in seiner heutigen Form nicht denkbar.
Zwischen PV, Gentechnik und Biodiversität
Auch in der anschließenden Diskussion wurden zahlreiche kontroverse Fragen aufgegriffen. Sollten landwirtschaftliche Flächen vorrangig für die Lebensmittelproduktion genutzt werden oder auch für Photovoltaik? Wie kann Wasser besser im Boden gehalten werden? Und ist die zunehmende Ausrichtung der EU auf neue gentechnische Verfahren der richtige Weg?
Bei der Photovoltaik wurde darauf hingewiesen, zunächst stärker bereits versiegelte Flächen und Dächer zu nutzen. Dazu betonen die Autoren besonders die Qualität von Agroforstsystemen, Hecken & Knicks in der Landschaftsgestaltung um Böden zu befeuchten.
Bei neuen Züchtungstechnologien müsse dagegen genauer zwischen Chancen und Risiken unterschieden werden. Auerswald betonte: Nicht jede mögliche Beschleunigung ist automatisch ein Fortschritt. Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse müssten zunächst gesammelt und ausgewertet werden.
Landwirtschaft ganzheitlich betrachten
Prof. Karl Auerswald sieht einen wichtigen Hebel in der Effizienz unserer Ernährung: Weniger Lebensmittelverschwendung und eine stärkere direkte Nutzung pflanzlicher Lebensmittel könnten Ressourcen effizienter nutzen. Gleichzeitig müssten Klimawandel und Biodiversität stärker gemeinsam betrachtet werden.
Prof. Hartmut Graßl betont, dass Landwirtschaft und Verbraucher allein das System nicht verändern können. Auch die Wissenschaft müsse sich kritisch hinterfragen und sorgfältig forschen, bevor sie politische Handlungsempfehlungen ableite.
Die zentrale Erkenntnis des Abends: Die Landwirtschaft lässt sich nicht isoliert verändern, gefragt sind differenzierte Lösungen, die ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge gemeinsam betrachten. Die Zukunft der Landwirtschaft ist damit keine Frage einzelner Maßnahmen, sie ist eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe.
Zur Online-Reihe „Bücher, die die VDW bewegen“
Die VDW veröffentlicht eigene Studien und Beiträge und vereint Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihren Publikationen gesellschaftliche Debatten mitgestalten. Mit der Online-Reihe „Bücher, die die VDW bewegen“ schaffen wir einen Raum für Austausch: Autorinnen und Autoren stellen ihre Bücher vor, erläutern zentrale Thesen und diskutieren gemeinsam mit dem Publikum Schlussfolgerungen, die für Gesellschaft und die Arbeit der VDW besonders relevant sind.



