Zwischen Wirklichkeit und Verantwortung

Bericht zum Aktionstag an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am 24. September 2026

Wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung, wenn Bilder täuschen, künstliche Intelligenz neue Wirklichkeiten erzeugt und Krisen einfache Antworten attraktiv machen?

Wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung, wenn Bilder täuschen, künstliche Intelligenz neue Wirklichkeiten erzeugt und Krisen einfache Antworten attraktiv machen?

Dieser Frage ging der Aktionstag „Zwischen Wirklichkeit und Verantwortung“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg nach. Referent:innen aus Hirnforschung, Psychologie, Komplexitätsforschung, digitalen Medien und Naturschutz näherten sich ihr aus unterschiedlichen Perspektiven und zeigten, was ihre Forschung für verantwortliches Handeln bedeuten kann.

Bereits am Vormittag beschäftigten sich rund 160 Oberstufenschüler:innen aus zwei Bamberger Schulen mit den Themen des Tages. In Vorträgen und interaktiven Murmelgruppen reflektierten sie ihre Wahrnehmung und brachten eigene Ideen für eine lebenswerte Zukunft ein. Am Nachmittag öffnete sich das Programm für die Öffentlichkeit. Mitmachstationen des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre luden dazu ein, Wahrnehmungstäuschungen unmittelbar zu erleben und die eigene Urteilssicherheit zu hinterfragen.

Wahrnehmung und komplexe Systeme

Dr. Maria Reinisch, Hirnforscherin und Geschäftsführerin der VDW, eröffnete den Nachmittag „mit Herz und Hirn“. Sie erläuterte, dass neben den großen Herausforderungen vor denen wir derzeit stehen, die vielen positive Entwicklungen z. B. in der Energiewende nicht vergessen werden dürfen. Das Gehirn mit seinen rund 100 Milliarden Neuronen und ein vielfaches an Synapsen kann uns dabei unterstützen Neues zu lernen, Verbindungen herzustellen und Wissen in Handeln zuübersetzen. Wenn emotionale und analytische Fähigkeiten zusammenspielen, können Menschen Komplexität besser aushalten, kreative Lösungen entwickeln und Krisen vorausschauend angehen, schloss Reinisch.

Prof. Dr. Claus-Christian Carbon knüpfte daran mit visuellen Illusionen an. Er zeigte, wie stark Kontext, Erfahrung und Aufmerksamkeit bestimmen, was Menschen sehen. Wahrnehmung bilde die Umwelt nicht einfach ab, sondern konstruiere eine plausible Deutung. Carbon erläuterte, dass diese Fähigkeit Orientierung ermögliche, zugleich aber Spielräume für gezielte Verführung eröffne. Wer die eigene Anfälligkeit kenne, könne Bilder und vermeintlich eindeutige Eindrücke kritischer prüfen.

Wie schnell sich Aufmerksamkeit lenken lässt, machte Zauberkünstler Marcelini in zwei Auftritten erfahrbar. Mit viel Humor und unter reger Beteiligung des Publikums führte er vor, wie Täuschungen entstehen. Die ebenso anschaulichen wie unterhaltsamen Intermezzi lockerten das dichte Programm auf und vertieften dessen zentrale Frage.

Prof. Dr. Stefan Thurner weitete den Blick anschließend auf komplexe Systeme. Er erläuterte, wie Lieferketten, Gesundheitssysteme und politische Polarisierung aus Netzwerken mit zahlreichen Wechselwirkungen entstehen. Lineare Erklärungen griffen dort oft zu kurz. Thurner zeigte, dass digitale Abbilder und verknüpfbare Daten Zusammenhänge sichtbar machen, Risiken früher erkennen und bessere Planung ermöglichen könnten. Als praktisches Beispiel erwähnte er den Durchbruch in der Bekämpfung von rund 370 000 Darknet Webseite mit Kinderpornigraifischen Inhalten, die das bayrische Kriminalamt mit der Hilfe von seinem Team löschen konnte. Damit habe die Komplexitätsforschung ganz konkrete Anwendungsmöglichkeiten und kann bei Lösungen unterstützen.

Prof. Dr. Zeynep Tuncer richtete den Fokus auf Deepfakes und KI-generierte Videos. Sie führte vor Augen, dass selbst überzeugende Bilder keinen sicheren Beleg mehr liefern. Als praktische Orientierung stellte sie das S.E.H.E.N.-Konzept vor: kurz innehalten, die eigene emotionale Reaktion wahrnehmen, Herkunft und Kontext prüfen, Belege mit weiteren Quellen abgleichen und Inhalte erst danach einordnen oder teilen. Tuncer warb damit für einen positiven und zugleich kritischen Umgang mit digitaler Technik.

Klimakrise und demokratische Handlungsfähigkeit

Prof. Dr. Hubert Weiger rückte die Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen in den Zusammenhang von Freiheit und Demokratie. Er erläuterte, wie wissenschaftliche Befunde zur Erderwärmung bestritten, Verantwortung verschoben und wirksame Maßnahmen verzögert würden. Zugleich zeigte er, dass die ökologische Transformation bereits begonnen habe. Weiger plädierte dafür, diese Entwicklung sichtbar zu machen, öffentliche Güter zu schützen und tragfähige gesellschaftliche Allianzen zu bilden.

Bilder: Uwe Fischer und Philipp Geyer

Gemeinsam eine positive Zukunft gestalten

Unter der Leitfrage „Was können wir tun? Wem können wir vertrauen?“ diskutierten die Referent:innen mit dem Bamberger Stadtrat und Lehrer Wolfgang Metzner. Maria Reinisch moderierte das Gespräch. Metzner betonte, dass Menschen vor Ort eine Stimme und konkrete Möglichkeiten zur Beteiligung brauchten. Claus-Christian Carbon ergänzte, Krisen dürften nicht zu Lähmung führen; attraktive eigene Angebote, glaubwürdige Vorbilder und erfahrbare Selbstwirksamkeit könnten Mut zum Handeln machen. Hubert Weiger verwies mit dem Grünen Band, 1400 km langes Nationales Naturmonument entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, auf ein Beispiel, das Naturschutz, Erinnerungskultur und demokratisches Engagement miteinander verbinde.

Zeynep Tuncer hob hervor, digitale Bildung müsse an der Lebenswelt junger Menschen ansetzen, sie unterstützen und zugleich Medienkompetenz sowie Datenschutz stärken. Stefan Thurner warb dafür Visionen zu erarbeiten. Die Zukunft sollte nicht von negative Gegenmaßnahmen, sondern mit realistischen die Komplexität berücksichtigenden positiven Visionen gestaltet werden. Aus dem Podium und dem Publikum kam zudem der Wunsch nach weniger Formularbürokratie. Dabei, so wurde ergänzt, dürften Gemeinwohlbelange nicht verloren gehen. Gemeinsam zeichnete die Runde damit kein fertiges Zukunftsbild, wohl aber konkrete Voraussetzungen für gemeinsames Handeln.

Prof. Stefan Hörmann, Vizepräsident für Lehre und Studierende der Universität Bamberg, schloss den Abend. Er dankte allen Beteiligten für einen anregenden Tag und betonte die Bedeutung von Wissenschaft und Wissenschaftsfreiheit für die offene Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen. Sein Schlusswort nahm den Grundgedanken des Aktionstags noch einmal auf: Unsicherheit lässt sich nicht abschaffen, doch Wissenschaft kann helfen, genauer zu urteilen und gemeinsam zu handeln.